Technik im Quartier

Ausgangslage:

Menschen altern in ihrem sozialen Nahraum (Stadtteil, Quartier, Dorf). Das Bedürfnis, soziale Kontakte zu pflegen und mit anderen Menschen zu interagieren bleibt erhalten, auch wenn sich mit zunehmendem Alter häufig der Bewegungsradius verkleinert (Meyer 2016). Umso mehr gewinnt der so-ziale Nahraum an Bedeutung (Steffen, Otto u.a. 2015). Quartierskonzepte wertschätzen und stärken kleinteilige sozialräumliche Strukturen. Sie setzen an spezifischen lokalen Gegebenheiten und Res-sourcen an. Sie zielen auf eine partizipative Weiterentwicklung und bürgerschaftliche Mobilisierung eines sozialen Nahraums in den Bereichen Wohnen, Soziales, Hilfe und Pflege. Quartierskonzepte haben sich in den letzten Jahren als ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der demografischen Herausforderungen etabliert (vgl. wegweisend WHO-Ansatz Agefriendly Cities; aktuell z.B. 7. Dt. Alten-bericht, SONG 2009; Michell-Auli & Kremer-Preiß 2013). Parallel hat das EU-AAL-Programm in den letzten 10 Jahren europaweit die Entwicklung und Etablierung von technischen Assistenzlösungen (AAL) unterstützt. In allen D-A-CH-Ländern wird mittlerweile stark, aber sehr unterschiedlich auf Quartiersansätze gesetzt – allerdings praktisch ohne länderübergreifenden Erfahrungstransfer.

Bisher wurde der Zusammenhang zwischen sozialraumorientierten Versorgungskonzepten und (AAL) in der Forschung und Entwicklung (F+E) jedoch nur unzureichend betrachtet – dabei bieten sich hier erhebliche wechselseitige Potenziale:

  • Alternsgerechte Informations- und Kommunikationssysteme können einerseits zur Aktivierung und Förderung sozialer Interaktion im Quartier beitragen, bürgerschaftliches Engagement und Nachbarschaftshilfe unterstützen und fördern, betreuende und pflegerische Versorgung zu Hause stabilisieren, oder auch Bürgerbeteiligungsprozesse vereinfachen und attraktiver machen. Technik bietet somit Quartiersprojekten erhebliche unterausgeschöpfte Chancen, Ziele der Quartiersentwicklung effizienter zu erreichen.
  • Auf der anderen Seite könnten viele Barrieren zur AAL-Nutzung mit entsprechenden Angeboten im Quartier überwunden werden. So zeigen z.B. Erfahrungen, dass kommunale Beratungsstellen zu hilfreicher Technik Informationsdefizite zu verfügbarer Technik abbauen, die Verfügbarkeit technikgestützter Assistenzsysteme und Dienstleistungen vor Ort verbessern und so eine bedarfsgerechte Versorgung mit technischen Hilfsmitteln fördern können (Röll u.a. 2016). Angebote im Sozialraum können daher als Multiplikatoren für Techniknutzung wirken und Barrieren senken.

 Ziele:

Im Projekt soll untersucht werden, wie Quartiersentwicklungskonzepte und technische Assistenzsysteme wechselseitig von einer integrierten Betrachtung profitieren können. Da nachhaltige Quartiersentwicklung nur in langfristigen Prozessen entstehen kann, bieten gerade bereits stärker bürgerschaftlich mobilisierte Quartiere hier besonderes Potenzial, innerhalb der begrenzten Projektlaufzeit die Integration sicherzustellen. Explizit wird – als USP – mit Quartieren kooperiert, die bereits fortgeschrittene Quartiersentwicklungs- und Mobilisierungsprozesse durchlaufen haben. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der Maßnahmen werden Handlungsempfehlungen entwickelt, die eine breite und länderübergreifende Übertragung der Erfahrungen auf andere Kommunen im Bodenseeraum ermöglichen. Durch die im Rahmen des Projektes initiierten Maßnahmen werden die beteiligten Quartiere nachhaltig dazu befähigt, technische Lösungen zur Unterstützung ihrer Arbeit einzusetzen und bedarfsgerechten Technikeinsatz durch BürgerInnen im Quartier zu fördern.

Massnahmen:

In das Projekt sind als Feldzugang verschiedene Sozialraumakteure (sowohl städtische Quartiere als auch ländliche Kommunen) in Deutschland, Österreich und der Schweiz als Projekt- oder als assoziierte Partner eingebunden. Zur Erreichung der Projektziele werden im Projekt

  • auf Basis der Vorarbeiten der beteiligten Praxis- und Hochschulpartner vorhandene technikgestützte Ansätze zur Unterstützung von Quartiersaktivitäten (z.B. Quartiersapps) ebenso wie Maßnahmen zur Vermittlung technischer Unterstützungssysteme im Quartier (z.B. Beratungsstellen) identifiziert und charakterisiert;
  • mit den beteiligten Umsetzungspartnern im Rahmen von Werkstattgesprächen für das jeweilige Entwicklungskonzept passende Ansätze ausgewählt und priorisiert;
  • der Einsatz von entsprechenden technikbezogenen Angeboten in den Quartieren initiiert und implementiert (Umsetzungskonzept, Schulung, Beratungsangebote etc.) – jeweils begleitet durch einen Forschungspartner;
  • gegenseitiges Lernen der beteiligten Sozialraumakteure durch kooperative Austausch- und Lernsettings gefördert, um forschungsbasiert iterative Entwicklungsprozesse voranzutreiben;
  • ein über die Projektdauer hinausreichendes interdisziplinäres Kompetenznetzwerk der Hochschul- und Sozialraumpartner entwickelt;
  • die Umsetzung der Maßnahmen durch die Forschungspartner laufend evaluiert und daraus übertragbare Handlungsempfehlungen für Quartiere abgeleitet; systematisch Disseminationsaktivitäten mit Blick auf verschiedene relevante Öffentlichkeiten entfaltet.

Erwartete Wirkungen:

Die bereits während der Projektlaufzeit umfassende Einbindung von Quartiersakteuren lässt erwarten, dass die Projektergebnisse – eben breit abgestützt – standardisierungsrelevant sein werden. Nicht nur werden einzelne AAL-Lösungen durch das Forschungsvorhaben bekannt- und zugänglich gemacht. Es wird in Zusammenarbeit mit verantwortlichen, interessierten und engagierten Quartiersakteuren sichergestellt, dass ganze Dienstleistungslogiken entwickelt werden. Im Projekt werden Spezifikationen (einschließlich Leitfäden für den Aufbau eines technikgeleiteten Quartiersnetzes) erarbeitet, die es Kommunen und kleineren Nachbarschaften ermöglichen, ebenfalls einen technikgestützten Gemeinschafts- und Versorgungsraum aufzubauen. Per Ende der Laufzeit liegen Anforderungen an AAL-Lösungen (Produkte und Dienstleistungen) spezifisch für den Einsatz im Quartierskontext vor.

Besondere Merkmale:

  • Erstmalig explizit Quartiere mit zu Projektstart bereits fortgeschrittener bürgerschaftlicher Mobilisierung und Quartiersentwicklung einbezogen
  • Vielfältige starke Kooperationsfundamente zwischen vielen der einbezogenen Partner (gerade nicht nur „horizontal“ bspw. nur zwischen Hochschulpartnern) als schon gegebenes Entwicklungsfundament im Projekt
  • Systematisch interdisziplinär zusammengesetztes Forschendenteam
  • Alle Hochschulpartner bringen sowohl Quartiers- als auch AAL-/Technikexpertise mit
  • Systematischer Einbezug der Sozialraumakteure (BürgerInnen, Institutionen, Kommune, Quartiersmanagement) und systematische Userzentrierung in allen Prozessphasen (s.Ulmer u.a. 2016)

 

Projektlead: HS Furtwangen, Projektleiter: Christoph Kunze (kuc@hs-furtwangen.de)

Projektpartner: ZHAW, Kalaidos Fachhochschule, FH Vorarlberg, FHS St.Gallen, Belvita AG. Sozialdienste Götzis, Stadt Frauenfeld

Projektlaufzeit: 01.03.2018 – 31.10.2020