Interview mit Prof. Dr. Dieter Stoll

1. Seit wann kennen Sie die IBH?

Die IBH kenne ich seit 2011. Etwa zwei Jahre nach meinem Start an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen besuchte ich zum ersten Mal einen Workshop der IBH zur Gesundheitsregion Bodensee. Das gemeinsame Entwickeln von Ideen hat mir damals viel Spaß gemacht und über die Jahre einige Kooperationen und Projekte ermöglicht.

2. Was machen Sie beruflich und in welchem Zusammenhang engagieren Sie sich in der IBH?

Als gelernter Chemiker schlägt mein Forscherherz seit meiner Promotion in Tübingen für die Bioanalytik. Vor allem die Analyse von Lipiden, Zuckern, komplexer Proteingemische („Proteomics“) haben es mir angetan. Ich interessiere mich für die Proteinchemie und das Lösen kniffliger analytischer Fragestellungen. Nach vielen aktiven Forscherjahren am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut an der Universität in Reutlingen (NMI) , wo ich in vielen Projekten mit Firmen oder akademischen Forschungspartnern Bioanalytik, Biomarkersuchen, Qualitätskontrolle therapeutischer Protein, Peptidsynthesen, Proteinchemie und Biomaterialforschung für die Regenerative Medizin betreiben durfte, wurde ich 2009 mit den Lehrgebieten Proteomics, proteinbasierte Assaysysteme und Downstream Processing an die Hochschule Albstadt-Sigmaringen berufen. Hier lehre und forsche ich weiterhin an meinen Lieblingsthemen und bin seit 2014 geschäftsführender Leiter des IAF. Durch einen Kooperationsvertrag mit dem NMI konnte und kann ich glücklicherweise auf hohem Niveau meine Forschungsinteressen weiter verfolgen.

Ich bin ein dankbarer „IBH Profiteur“. Durch die IBH konnte ich mein Forschungsnetzwerk in drei Nachbarländer ausweiten und profitierte von zwei geförderten Projekten der IBH.

3. Welchen Nutzen konnten Sie aus der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Ihrem Projekt ziehen?

In 2013 entstanden bei einem IBH Ideenfindungsworkshop mit dem Impulsthema eHealth in Mariaberg in Rorschach zwei Projektideen, die sich zu erfolgreichen IBH Projekten entwickelten. Mit Edith Maier, Ulrich Reimer (IPM FHS St. Gallen) und Claudia Angele (PH Weingarten) fanden sich engagierte Projektpartner, die mit dem IBH Initialprojekt „The Personal Health Buddy“ die Finanzierung für eine Antragstellung für eine EU Projekt erhielten. Die EU Erfahrung und die super Koordinationsleistung von Edith und Ulrich führten dann zu einem sehr ambitionierten Antrag für „A Support System for Binge eating and obesity Control“ mit 9 Partnern aus 4 EU Staaten + Schweiz, der leider am Ende knapp scheiterte. Aber vielleicht lässt sich die Idee ja über ein IBH Lab weiterentwickeln.

Mit Volker Bucher (HFU), Marc Brecht und Andreas Modler (ZHAW) fand sich beim selben Workshop ein Forscherteam zusammen, das interdiziplinär und binational das IBH Schwerpunktprojekt „Optische Hybridsensoren für die in-vitro Diagnostik in Medizintechnik, E-Health, Umwelt- und Lebensmittelanalytik“ mit vielen kreativen Ideen bearbeitet. In diesem Projekt steht die technische Machbarkeit eines sehr günstigen optischen Sensorsystems für tragbare Analysensysteme im Mittelpunkt. Nach erfolgreichem Projektabschluss soll die Machbarkeitsstudie natürlich in echte Anwendungen überführt werden.

Kurzfazit: Die IBH gab mir die wunderbare Gelegenheit tolle, kreative Forscherkollegen und –kolleginnen aus der Bodenseeregion kennenzulernen und mit ihnen spannende Projektideen umzusetzen.

4. Welche Bedeutung hat der Wissens- und Technologietransfer zwischen Hochschulen und Unternehmen für die Bodenseeregion?

Ich glaube, dass das große Potential, das in der Region mit ihren 4 Ländern, den vielen Hochschulen und kreativen Firmen steckt noch viel stärker für die regionale Entwicklung genutzt werden kann und sollte.

5. Welchen Beitrag leisten die Vernetzungsveranstaltungen der IBH hierzu?

Die kreativen Vernetzungsworkshops der IBH sind für mich gute Impulsgeber, die v.a. von den Firmen noch nicht so stark genutzt werden, wie ich es mir wünschen würde. Deshalb bin ich über die gute Zusammenarbeit von IBH und BioLago sehr glücklich. Besonders gelungen fand ich den von IBH und BioLago gemeinsam organisierten Austausch zum Thema Medizintechnik in 2015, bei dem Firmen mit Forschungsfragestellungen und Hochschulpartner mit potentiell passenden Forschungskompetenzen zu Gesprächen in kleiner Runde eingeladen wurden. Wiederholung sehr empfohlen.

6. Was bedeutet die Mitgliedschaft in der IBH für Ihre Hochschule? Wie nützt die IBH der Bodenseeregion?

Die IBH ist ein Kristallisationskeim für die Zusammenarbeit von Forschenden und Lehrenden in der Bodenseeregion, der das Überwinden der Grenzen erleichtert. Ich persönlich staune bei jedem Treffen, wie unterschiedlich – bei allen Gemeinsamkeiten – Forschung und Lehre in den verschiedenen Ländern organisiert sein können. Diese Vielfalt wird mir allerdings oft erst beim Apèro eines IBH Workshops wirklich bewusst, wenn nicht mehr die Wissenschaft, sondern der Alltag im Mittelpunkt stehen, wenn über Gott und die Welt philosophiert wird.

7. Wo sehen Sie die IBH in 5 Jahren? Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, was wünschen Sie sich für die IBH?

Die Vielfalt der Bildungskonzepte und Organisationsstrukturen macht die Bodenseeregion stark. Der persönliche Austausch zwischen den Hochschulmitgliedern ist durch die kurzen Wege in der Region schnell und einfach zu organisieren. Er ermöglicht es Stärken und Schwächen der eigenen Konzepte direkt mit denen anderer Hochschulen aus 4 unterschiedlichen Ländern zu vergleichen. Die IBH wird als Netzwerk in 5 Jahren noch aktiver sein als heute. Wünschenswert wäre eine stärkere Vernetzung mit den regionalen Industrieverbänden (IHK, Handelskammern, etc.). und natürlich noch mehr gemeinsame Lehr- und Forschungsprojekte in der Region.