Analytisch, faktenorientiert, und ein Flair für Zahlen -Technologischer Wandel und das Ende der Intuition.
von Stefan Beljean, Jahrgang ‘84
studiert Soziologie (Master) an der Universität Konstanz
Heute ist oft davon die Rede, dass das klassische Lehrbuch-Wissen angedient hat. In der Internet-Gesellschaft ist es nicht mehr wichtig zu wissen, wie groß die Einwohnerzahl von Deutschland ist oder wann Einstein die Relativitätstheorie erfunden hat. Dank Google, Wikipedia und Co. können wir solche Informationen inzwischen innerhalb weniger Sekunden aus dem Internet abrufen. Das WorldWideWeb hat die Anhäufung eines riesigen Wissensvorrats möglich gemacht, der den Inhalt herkömmlicher Enzyklopädien um ein Vielfaches übertrifft. Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind schon heute spürbar. Zeitungen, Berufsratgeber undWissenschaftler sind sich einig: Reines Faktenwissen hat an Bedeutung verloren, Prozesswissen und Problemlösungskompetenzen hingegen werden immer wichtiger.
Kaum verwunderlich geht es in aktuellen Stelleninseraten nur am Rande um handfeste Kenntnisse, stattdessen betonen fast alle Arbeitgeber die Wichtigkeit so genannter ‘Soft Skills’. Der ideale Bewerber’ auf dem heutigen Arbeitsmarkt ist kommunikationsstark, dynamisch, flexibel, problemorientiert und so weiter. Was er studiert hat oder welches Fachwissen er mitbringt, ist oft nur noch zweitrangig. Angesichts dieser Veränderung ist für viele Pädagogen und Bildungsexperten klar, wie das Bildungssystem der Zukunft aussehen sollte. Schnödes Auswendiglernen und Abfragen von Faktenwissen in der Form von Prüfungen scheinen passe. Das veraltete Bildungsparadigma aus dem19. Jahrhundert soll innovativen neuen Formaten Platz machen wie zum Beispiel Projektarbeit, Stationenlernen oder freien Unterricht. Schüler und Studierende sollen sich Informations- und Medienkompetenzen aneignen und Schlüsselqualifikationen erwerben. Solche Innovationen sind zweifellos zukunftweisend - besonders in einer Dienstleistungsgesellschaft wie Deutschland. Doch auf lange Sicht werden sie nicht ausreichen, um uns auf das vorzubereiten, was wir in 10 Jahren unbedingt wissen müssen.
Die Welt im Jahre 2020 wird nicht nur eine Welt sein, in der reines Faktenwissen weniger wert sein wird als heute. Die Welt im Jahre 2020 wird auch eine Welt sein, in der sich die Alt und Weise, wie wir Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen, grundlegend verändert haben wird. Denn während die Verschiebung von Fakten- zu Prozesswissen in Feuilletons und Blogs ausführlich kommentiert wird, befinden wir uns derzeit mitten in einem zweiten großen Transformationsprozess. Paradoxerweise jedoch wird diese zweite Veränderung in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Transformation, von der ich rede, vollzieht sich fernab von aufsehenerregenden Forschungsergebnissen. Ihre stille Kraft liegt gerade in ihrer Unscheinbarkeit.
Doch wie bei allen großen Trends lassen sich erste Vorzeichen bereits an gewissen Zeitphänomenen ablesen. Ich möchte daher meine Prognose auf einige Fallbeispiele aus der Gegenwart stützen. Ganz im Sinne des amerikanischenZukunftsforscher John Naisbitt, der einmal schrieb: ‘Der zuverlässigste Weg, in die Zukunft zu sehen, ist das Verstehen der Gegenwart. Beginnen wir mit einem Beispiel aus dem Bereich der Luftfahrt: Der Beruf Pilot. Dieser hat sieh gemäß Johannes Weyer, Techniksoziologe an der TU Dortmund, in den letzten fünfzig Jahren erheblich verändert. Einst waren Piloten ‘Helden der Lüfte’, sie brauchten viel Geschick, Erfahrung und eine gute Portion Tollkühnheit. Doch heute, so Weyer, wird die fliegerische Leistung weitgehend von Computersystemen erbracht. Sie berechnen die optimale Flughöhe, Geschwindigkeit und Flugroute. Piloten sind nur noch eine Komponente in einem komplexen technischen System. Dieses Systembasiert auf klar festgelegten Regeln und lässt kaum Raum für spontanes menschliches Eingreifen. Die unerschrockenen Flieger von einst sind heute meist nur noch ein potentieller Störfaktor.
Oder nehmen wir ein anderes Beispiel aus dem Bereich der Medizin. Hier arbeiten Informatiker undtechnikbegeisterte Mediziner schon seit Jahren gemeinsam daran, die medizinische Diagnostik an intelligente Computersysteme zu delegieren. Anstelle eines Arztes aus Fleisch und Blut werden inZukunft möglicherweise schon bald Softwareprogramme Krankheitsdiagnosen vornehmen. Diese Vorstellung mag im ersten Moment angsteinflößend wirken. Doch objektiv betrachtet, könnten Computer auf lange Frist tatsächlich die besseren Ärzte werden: Ihre Urteilsfähigkeit bleibt auch nacheiner 14-Stunden Schicht unverändert scharf; zudem können sie weit mehr Informationen auf einmalverarbeiten als ihre menschlichen Konkurrenten.
Ein drittes Beispiel schließlich ist in einem Bereich angesiedelt, in dem der Einzug von strengrationalem, regelbasiertem Denken besonders gewöhnungsbedürftig anmutet: die Liebe. Hier haben wir es - würde man meinen - mit einem Bereich zu tun, in dem allein das Herz oder höhere Fügung bestimmen sollten. Ob diese romantische Vorstellung jemals der Wirklichkeit entsprochen hat, sei dahin gestellt. Doch spätestens heute im Informationszeitalter ist sie ernsthaft in Frage gestellt. Ursache sind sogenannte Matching-Dienstleister im Internet, wie zum Beispiel PARSHIP. Diese Firmen vertreten die Ansicht, dass man bei der Suche nach einem passenden Gegenüber nichts dem Zufall überlassen sollte. Deswegen erfragen sie von suchenden Singles Charaktereigenschaften, Interessen, und viele weitere Eigenschaften, um sie dann mittels Computeralgorithmen mit potentiellen Partnern zu ‘Matchen’. Dies stellt im Grunde eine Entzauberung des Mythos ‘Liebe’ dar, doch die wachsende Popularität der Computer unterstützten PatineIfindung scheint dafür zusprechen, dass immer mehr Leute bereit sind, diese Entzauberung in Kauf zu nehmen.
Was aber ist das gemeinsame Prinzip, dass all diesen Entwicklungen zugrunde liegt? Und wiebeeinflusst es, was wir in 10 Jahren unbedingt wissen müssen? Egal ob in der Luftfahrt, der Medizinoder in der Liebe, in unzähligen Kontexten können wir heute zwei unterschiedliche, aber eng verschränkte Entwicklungen beobachten: 1. Intuition und Erfahrung verlieren an Bedeutung, im Gegenzug werden messbare Fakten und statistische Modelle immer wichtiger. 2. Weil Computertechnologien immer mächtiger und ausgefeilter werden, können immer mehr Arbeitsabläufen und Entscheidungsprozesse automatisiert werden. Salopp formuliert, haben wir es also mit zwei Verschiebungen zu tun: Einmal von Intuition zu Fakten und einmal von Menschen zu Computern. Im Grunde aber handelt es sich um zwei Seiten derselben Medaille. Denn zwischen dem Ende der Intuition und dem Einzug von Informationstechnologien in fast alle Lebensbereiche gibt es einen Zusammenhang.
Die meisten Menschen - Autisten einmalausgenommen - nehmen Dinge ganzheitlich wahr und verlassen sich bei wichtigen Entscheidungenauf ihr Bauchgefühl. Doch eine streng analytische, rein zahlenorientierte Form der Informationsverarbeitung geht gegen unsere natürliche Veranlagung. Für Computer hingegen verhält es sich genau umgekehrt. Sie sind Meister im Rechnen und Verarbeiten von riesigen Informationsmengen. Aber sie haben große Probleme mit Ambivalenzen, Spezialfällen und unterschiedlichen Kontexten umzugehen. Zumindest nach heutigem Stand der Technik. In der wissenschaftlichen und industriellen Forschung arbeiten nämlich unzählige schlaue Köpfe daran, die Leistung von Computern zu optimieren und ihnen immer komplexere Aufgabenaufzutragen.
Das erklärte Ziel ist es, intelligente Maschinen zu entwickeln, Stichwort ‘Künstliche Intelligenz’. Wege dieses Ziel zu erreichen gibt es viele und das dazugehörige Forschungsfeld umfasst entsprechend eine große Bandbreite an Ansätzen. Teilweise befinden sich diese Ansätze miteinander in Konflikt. Doch wenn der im Bereich der Luftfahrt oder der Personalrekrutierung vorgezeichnete Trend anhält, ist eines mit großer Sicherheit abzusehen: Informatik im Allgemeinen und das Teilgebiet ‘Künstliche Intelligenz’ im Speziellen werden zwei zentrale Forschungsfelder der Zukunft darstellen. Ihre Aufgabe wird es sein, einerseits bereits existierende automatisierte Systeme weiterzuentwickeln und beständig zu verbessern.
Die Wahl eines Lebenspartners, zum Beispiel, soll damit noch treffsicherer werden. Ebenso soll zukünftig Fliegen per Autopilot noch sicherer werden. Andererseits wird es aber auch darum gehen, völlig neuartige automatisierte Systeme zu entwickeln und diese in Lebensbereiche einzuführen, die bis dato noch nicht von ihnen tangiert waren. So wäre es zum Beispiel denkbar, dass wir schon bald das Buchen von Ferien und Reisen an ein Computerprogrammdelegieren können. Anstatt Stunden damit zu verbringen, Flugpreis im Internet zu prüfen, könnte man einmalige gewisse Grnndparameter wie die maximale Preishöhe angeben und dann vom Computer den Rest erledigen lassen. Reisebüro-Angestellte dürften von dieser Vorstellung nicht sonderlich begeistert sein. Für sie und viele andere Berufsgattungen bedeuten das Ende der Intuition und der Siegeszug automatisierter Systeme nichts Gutes.
Der technologische Wandel droht ihre Kompetenzen und ihren beruflichen Status zu entwerten. Informatiker, Ingenieure und andere technische Fachkräfte hingegen können sich freuen: Sie dürften in 10 Jahren noch gefragter sein als heute schon. Doch das wird nicht primär an ihren Diplomen und Zertifikaten liegen. Was sie auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft begehrt machen wird, ist vielmehr eine ganz bestimmte Form des Denkens und Problemlösens. Dies ist zumindest die Prognose von Ian Ayres, Professor an der Yale University. In einem kürzlich erschienenen Buch, hat sich Ayres mit dem Siegeszug von faktenbasiertem Denken auseinandergesetzt. Ayres glaubt, dass in naher Zukunft statistische Modelle und Computerprogramme in immer mehr Gesellschaftsfeldern eine zentrale Funktion einnehmen werden. Diese Zukunft gehört in Ayres’ Augen nicht mehr herkömmlichen Fach-Experten, deren Status auf einer Kombination von Charisma und Erfahrung beruht.
Die Zukunft gehört, gemäß Ayres, vielmehr Menschen mit ausgeprägten analytischen Fähigkeiten, so genannten ‘Super Crunchers’. Super Crunchers zeichnen sich aus durch eine starke Zahlen-Affinität, sie lieben streng logisches Denken, und sie vertrauen lieber einer mathematischen Formel als ihrem Bauch. Es ist daher vorauszusehen, dass genau diese Super Crunchers eine zentrale Rolle einnehmen werden, wenn es darum gehen wird, neue automatisierte Systeme zu entwickeln und die ‘Künstliche Intelligenz-Forschung voranzutreiben. Denn selbst wenn automatisierte Systeme den Großteil alltäglicher Entscheidungen für uns übernehmen werden, braucht es immer noch Leute, die diese Systeme programmieren, bauen und betreuen - eine Aufgabe, wie geschaffen für Super Crunchers. Sie werden diejenigen sein, welche die mathematischen und statistischen Modelle entwickeln, auf deren BasisComputer-Anwendungen programmiert werden können. Sie werden die riesigen Datenbank-Systeme anlegen, die es braucht, um das implizite Wissen ganzer Berufsgattungen zu formalisieren. Dadurch werden sie immer mehr Bereiche unseres alltäglichen Lebens prägen. Von einem ethischen Standpunkt lässt sich natürlich die Frage stellen, ob eine solche Entwicklung wünschenswert ist. Diese Frage ist wichtig und wird höchstwahrscheinlich über kurz oder lang den öffentlichen Diskurs prägen.
Ich möchte an dieser Stelle keine moralische Bewertung abgeben. Man kann die skizzierte Entwicklung begrüßen oder verurteilen. Angenommen jedoch die Prognose trifft zu, scheint mir abschließend eine Sache bemerkenswert: Was Super Crunchers auszeichnet, sind nicht die eingangs erwähnten Soft Skills wie Flexibilität, Konfliktlösungsfähigkeit oder Teamorientierung. Im Gegenteil: Es sind handfeste, klar definierte Kompetenzen, die es durch viel Fleiß zu erlernen gilt.
Obwohl hier aus Gründen der Lesbarkeit bloss die männliche Form gewählt wurde, bezieht sich die Aussage auf Angehörige beider Geschlechter. Dies gilt auch für den gesamten Rest des Essays
Alle Rechte beim beim Autor. Beitrag als PDF
Literatur
Ayres Ian. 2007. Super Crunshers. Why Thinking-by-Numbers Is the New Way to Be Smart. NewYork: Bantam.
Weyer, Johannes. 1997. Die Risiken der Automationsarbeit. Mensch-Maschine-Interaktion und Störfallmanagement in hochautomatisierten Verkehrsflugzeugen. Zeitschrift für Soziologie 26(4):239-257.


