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Dichtung und Morphologie - ein Forschungsprogramm für die Zukunft

von
Ingmar Werneburg Jahrgang ‘81
promoviert an der Universität Zürich im Fach Zoologie

„Im eröffneten Schädel - die Schläfen beiseite geknickt - erkennen wir einst das menschliche Wesen.”
Wer in die Zukunft blicken will, muss sich zuvor seiner eigenen Situation in Raum und Zeit bewusst werden. Das beginnende 2I. Jahrhundert bietet uns da ein vielfältiges Ensemble politischer, sozialer und freilich auch wissenschaftlicher “Errungenschaften”, die zu verstehen, zu bewältigen, zu umgehen die heilige Aufgabe des Jetztmenschen darstellt. Wichtiger jedoch, da wir die Grenze in ein neues Millennium mutigen Herzens überschritten haben, ist die Rückbesinnung auf das, was uns als Mensch von den Tieren, den Pflanzen und Steinen unterscheiden - den menschlichen Geist.

Die Antike mit all ihren Einsichten in die Naturgesetze, in Staatstheorien erscheint uns antiquiert, in den Vorlesungssälen erheitern wir uns über den nackten Archimedes, der zu viel Badewasser eingelassen hatte und mit einer riesigen Lupe die feindlichen Schiffe vor Syrakus mit gebündelten Sonnenstrahlen zu verbrennen suchte. Wir schmunzeln über Aristoteles, der - statt das Hühnerei zu essen - den mit Adern umwebten Embryo aus der Schale pellte. In einer “perfekten Demokratie”, in der wir uns heute pudelwohl fühlen, verspotten wir gern den Philosophen, der ein ausgeglichenes System aus Monarchie, Aristokratie und Volksherrschaft propagierte. Blicken wir aber - unsere heutigen Badeeinrichtungen, Waffen, Evolutionstheorien und Staatssysteme vor Augen - in eine glorreiche Zukunft? Das Wort Utopie - in seiner positiven Bedeutung - erhält etwas Lächerliches, schauen wir dem Kommenden entgegen. Entzaubert stehen wir vor den Trümmern unserer hochverehrten Natur, unseren Mitmenschen. Kälte erwartet uns, treiben wir fort, was wir heute begannen . Fliegende Autos, sprechende Hausschuhe und Krebsheilmittel sind näher an einer möglichen wissenschaftlichen Zukunft als die Visionen der Alten. Doch sahen unsere Vorväter einem bedeutenden Wandel entgegen: Die Macht Apollons durch Menschenhand zu bündeln und ihm zu Ehren ein Siegesfest zu feiern - das ist die Zukunft, die wir auf ewig erträumen!

Gestatten Sie mir, eine Lösung für unser Dilemma zu entwickeln. Mein eigenes Studium führte mich in das Gebiet der Vergleichenden Anatomie, die Morphologie von Fischen, Lurchen, Reptilien und Säugetieren, kurz, der Wirbeltiere. “Juchhu” werden Sie sofort aufschreien! Der Typ will neue Arten züchten, neue Menschenrassen generieren - er wird die Organe des Homo sapiens für das Leben im Weltraum vorbereiten. Er wird den Jurassic-Park Wirklichkeit werden lassen. Weit gefehlt! Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe begründete das, was wir heute als Morphologie bezeichnen: Das pure Vergleichen anatomischer Details der Lebewesen.

Goethe beispielsweise entdeckte in den menschlichen Föten einen Zwischenkieferknochen, das Prämaxillare, das bei erwachsenen Individuen nicht mehr als eigenständiger Knochen zu erkennen ist. Bei den meisten anderen Säugetieren jedoch - denn wir zählen seit Neuestem auch dazu - ist dieser Knochen im vorderen Bereich des Oberkiefers immer deutlich ausgeprägt. Im Vergleich der vor ihm aufgebahrten Schädel begriff der Wissenschaftler Goethe (der nebenbei bemerkt der größte deutsche Dichter war - aber dazu später) einen Zusammenhang. Ein inneres Formprinzip, so Goethe, verbinde alle Wirbeltiere miteinander. Wir fühlen uns an Platons Ideenlehre erinnert. Ein spezieller Bildungstrieb im Embryo hin zu den endgültigen Formen schafft den Unterschied zwischen Ziege, Fuchs und Mensch.

Mit der ernüchternden Theorie Darwins, der erbitternde Kampf der Individuen ums nackte Überleben (Archimedes lässt grüßen), entwickelten sich wissenschaftliche Ansätze, um die Unterschiede zwischen den Arten evolutionsbiologisch, mit einem Stammbaum im Hinterkopf, zu erklären. Großartige Entdeckungen wurden nun möglich. Ein oft zitiertes Lehrbuchbeispiel bietet eine von Reichert (1837) entworfene und von Gaupp (1913) weiterentwickelte Theorie zur Evolution der Mittelohrknochen von Säugetieren. Über vergleichende Forschung an embryologischen Präparaten gelang es den Wissenschaftlern nachzuweisen, dass sich Teile des Unterkiefers und des Zungenbeines, wie wir sie bei Fischen, Lurchen und Reptilien finden, ins Mikroskopische verkleinerten. Dann wanderten sie vom unteren Schädelbereich in das Innenohr. Einst zur Nahrungsaufnahme und Atmungsbewegung bestimmt, dienen sie nun den Säugern zur Übertragung der akustischen Signale ins Innenohr und letztlich zum Gehirn. Welch eine Erkenntnis!

Wer heute ein Anatomiebuch in der Buchhandlung oder gar am heimischen Schreibtisch aufschlägt, wird zunächst von den zahlreichen Fachbegriffen überwältigt und eingeschüchtert sein, die dort wie “aus Nostradamus’ eigener Hand” auf ihn “einwirken”. Hieroglyphen aus einer fernen Zukunft. Statt die Gelder unserer armen reichen Regierungen in Kriege, Raketenkraft und Straßenausbau zu “investieren”, möge die Grundlagenwissenschaft gefördert werden. Es ist unvorstellbar, dass im deutschsprachigen Bereich, dort wo die Morphologie quasi erfunden wurde, nur noch knapp 10 hungernde universitäre Bastionen verblieben sind, in denen wir intensiv lernen können, warum in unserem Ohr das Kiefergelenk der Schildkröten täglich vibriert. Erträumt eine Zukunft, in der die anatomische Wissenschaft zu neuen Erkenntnissen über die Organismen der Erde, über unsere eigene Identität gelangt!

Wir wollen verstehen, “was die Welt im Innersten zusammenhält”. Goethe formulierte, die “Metamorphose der Pflanze” studierend, seinen eigenen dichterischen Weg, seine Weltansieht, die wie keine andere die deutsche Kultur so sehr geleitet und geprägt hat, ja sie bis heute überleben ließ: “Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung I Dieses Blumengewühls über dem Garten umher; I Viele Namen hörest du an, und immer verdränget I Mit barbarischem Klang einer den andrem im Ohr. I Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern, I Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, I Auf ein heiliges Rätsel. O könnt ich dir, liebliche Freundin, I Überliefern sogleich glücklieh das lösende Wort!”

Ohne die Flut intergalaktischer Technik und submolekularer Forschungsmethoden will man sich ungern die Zukunft der Wissenschaft vorstellen - will man sich ungern sein gelähmtes Bäuchlein im Alter streicheln lassen. Erbrechet die Schädel der hoheitlich Aufgebahrten und schiebet beiseit die Knochen der Schläfen! Für heute denken wir uns das Blut an den Fingern und ekliges Lymphgemodder hinweg. Blicken unbeschämt in das Innere unseres eigenen Leibes. Was uns oberflächlich verborgen blieb, Nervenbahnen, Knochengerüst und Muskelfasern erklingen in einer noch nie vernommenen Melodei. Wo wir im Großen zu verstehen versagten - hier sind wir wieder im Heute und Jetzt - erkennen wir nun im Kleinen die Welt, das menschliehe Wesen. Besinnt zurück Euch auf Eure Ursprünge, sie leuchten mit Apollons lächelndem Blick - weissagend - die Zukunft voraus!

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