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Nachtgedanken

von
Marjana Prinz, Jahrgang ‘80
studiert Veterinärmedizin an der Universität Zürich

“Wumm” endlich zu das Buch. Müde reibe ich mir die Augen und stehe auf. Es ist wie immer weit nach Mitternacht und ich trete auf den Balkon um etwas frische Luft zu schnappen. Ist schon ein komisches Gefühl. Jahrelang arbeite ich auf den Abschluss zu und steht man kurz davor, dann weiss man trotzdem nicht wie es weitergehen soll. Ich durfte ja schon als junge Wissenschaftlerin Erfahrungen sammeln und stehe jetzt vor meiner Zukunft, die ich gestalten muss. Meine Ausbildung nicht in Deutschland, sondern im Ausland zu beenden war eine meiner besten Entscheidungen. Ich konnte etwas an den Tellerrand klettern und auch mal rüber lunschen. Das hat mir gut getan. Schliesslich leben wir alle zusammen auf einer Welt. In den Strukturen in denen man aufwächst erstarrt man irgendwann und so braucht man Möglichkeiten, um den Blickwinkel zu verändern. Letztendlich wollen wir doch alle zufrieden und glücklich leben, oder? Was mir in der Schweiz ganz besonders gut gefällt, ist die Möglichkeit der Volksabstimmung. Das lindert bei mir das Gefühl der Fremdbestimmung und ich, als einzelne Person, fühle mich ernst genommen. Auch die Behindertenintegration finde ich hier deutlich besser. Hier geht es nicht ums verstecken oder gesondert fördern, sondern ums miteinander leben. Man stellt dann auch fest, dass andere Kulturen ähnliche aber auch verschiedene Probleme haben. Für mich ist der einzige Weg zur Toleranz erst mal das Kennenlernen. Man kann Gemeinsamkeiten entdecken und Verständnis entwickeln. Dazu das wichtigste Mittel ist die Sprache. Nur wenn wir uns verstehen können wir Verständnis entwickeln. Ich finde es richtig, dass man schon im Kindergarten auf Fremdsprachenkontakt achtet. Das müssen wir fördern. Auch weiter in der Schule und im Berufsleben. Wir können ja unsere Türe nicht einfach zu machen, schliesslich ist die Welt rund und wir kommen an den Lebenskreisläufen nicht vorbei.

Was bringt es uns wenn wir Geld dadurch sparen, dass wir unseren Giftmüll in den Ländern der Dritten Welt entsorgen und dann von dort unser Obst, Gemüse und Fleisch beziehen. Wir exportieren Waffen und beschweren uns, dass die “anderen” immer Krieg spielen. Diese Pseudomoral bröckelt an jeder Stelle und trotzdem halten wir sie immer wieder vor uns. Warum stellt sich die zivilisierte Welt so arrogant hin und wirft ihre Überschussprodukte in die Dritte Welt. “So jetzt habt ihr Brot, Wasser und Spielzeug - nun benehmt euch mal wie zivilisierte Bürger!” Das hat mit Sicherheit nichts mit Entwicklungshilfe zu tun, wenn Holland seine Hähnchenproduktion in Massentierfabriken verwandelt, den Überschuss dann nach Afrika schippert und dort die regionalen Hähnchenzüchter kaputt macht. Wir sind überheblich und vorschreibend und wir wollen neue Absatzmärkte oder Ressourcen. Das ist keine nachhaltige Entwicklungspolitik - das funktioniert nicht. Wir müssen neue Wege finden - Hilfe zur Selbsthilfe, durch Förderung der Leute vor Ort, das sich dann selbstständig eine Struktur entwickeln kann. Und schliesslich sollten wir auch nicht vergessen, vor der eigenen Tür zu kehren. Es schockiert mich, wie viel Kinder allein schon in Berlin an Hunger leiden. Normalerweise denkt man bei dem Wort Hunger nur an Afrika. Aber es ist erschreckend vor wie viel leeren Bäuchen Lehrer frühmorgens ihren Unterricht beginnen. Und im Gegenzug dazu die ganzen Fastfood Tempel, welche das Land erobern. Es kostet mich ja selbst schon sehr viel Beherrschung trotz meines stressigen Berufes nicht zum Vollkonsument zu entarten.

Ach ja der liebe Berufsstress. Ich frage mich wirklich wie will ich jetzt weiter machen? Soll ich in der Wissenschaft bleiben, trotz meiner schlechten Erfahrungen? Am meisten geht mir ja der Umgang mit den Tierversuchen an die Nieren. Ich habe selbst erlebt, dass Tierversuche aus Faulheit, Respektlosigkeit und Ignoranz zur Tierquälerei entartet sind. Die theoretischen Vorgaben der Gesetzgebung werden als lästig empfunden und nur das nötigste wird erfüllt. Warum? Sollten wir nicht Verantwortung zeigen für unsere Mitgeschöpfe? Wir können doch so viel von Ihnen lernen. Jeder Materialforscher würde ausflippen, wenn er Spinnenfäden nachentwickeln könnte. Ganz zu schweigen von den vielen medizinischen Errungenschaften, welche auf Tierversuchen basieren. Und trotzdem scheinen wir jegliches Gewissen mit dem weissen Kittel abzustreifen. Ist es denn zu viel verlangt auch am Sonntag den Versuchsstall auszumisten? Ist es denn so schwierig eine internationale Datenbank aufzustellen, um unnötige Wiederholungen und damit Leid an Tieren zu verhindern?

Zusammenarbeiten statt Übertrumpfen. Es gibt doch überall auf der Welt kluge Köpfe. Wir verschenken so viel Potential, wenn wir alles nur vom Gewinn abhängig machen. Ich hatte immer eine riesige Achtung vor der Wissenschaft und jetzt wenn ich selber dazu gekommen bin, enttarnt sich so viel als aufgeblasener Ballon, wo nur heisse Luft zählt. Albert Einstein hat mal so was gesagt wie: Vereinfache alles so einfach wie möglich, aber nicht mehr. Ich verstehe deshalb nicht, warum in der Wissenschaft so viel Show nötig ist und die wirklich wichtigen Dinge werden unter den Tisch gekehrt. Wer super Artikel schreiben kann oder perfekt schwafeln, ist hier der Held. Ob er seine Forschungsergebnisse sorgfältig gewonnen oder gar geklaut hat, ist egal. Man sollte jungen Forschern den Einstieg erleichtern. Solange Doktoranden als billige Drecksarbeiter angesehen werden, braucht man sich nicht wundern, warum die jungen Leute ihre Illusionen und ihren Mut verlieren. Auch meine persönlichen Entscheidungen werden immer schwieriger zu treffen. Ich bin jetzt Ende zwanzig und es wirft sich mir die Frage auf: Will ich wirklich Kinder in diese Welt setzen? Man ist gefangen von den Problemen. Ich will in meinem Beruf erfolgreich werden, wann habe ich da noch Zeit für meine Kinder? Ich bin wegen meinem Beruf 1000 Kilometer von zu Haus entfernt, wie kann ich alles ohne die Unterstützung meiner Familie managen? Eine gleichberechtigte Partnerschaft, in der sich beide beruflich verwirklichen und sich trotzdem auch für Kinder entscheiden, artet immer mehr zu einem Drahtseilakt aus.
Und dazu kommen auch die akuten gesellschaftlichen Probleme mit Kindern und Jugendlichen, welche mich erschrecken. Die Jugendkriminalität nimmt bedrohliche Massstäbe an, klar wir waren auch keine Engel, wir haben auch heimlich geraucht und getrunken und mal eine Kleinigkeit gemopst. Das ist aber nicht zu vergleichen mit dem jetzigen Koma saufen oder das ein Zwölfjähriger schon 20 bewaffnete Raubüberfälle hinter sich hat. Wo führt uns das ganze hin?

Alles Moderne wird schneller und gewinnbringender, aber wer passt auf unsere Werte auf? Der Mensch ist genauso wenig dazu geschaffen, in millionenstarken Herden zu leben wie die Tiere. Das überfordert unsere emotionale Entwicklung. Die Intelligenz steigt an und die Vernunft baut riesige Städte und hochmoderne Einrichtungen. Aber unsere Seele bleibt auf der Strecke. Ist es nicht traurig, dass reiche Leute Elektriker in ihr Haus kommen lassen, um offiziell eine Glühbirne zu wechseln und in Wirklichkeit mal wieder mit einem Menschen zu reden? Oder das in Japan Computer gebaut werden, die ältere Menschen pflegen und als Unterhaltung dienen?

Natürlich kann man den Fortschritt nicht stoppen und trotzdem bekomme ich schon mit meinen wenigen Lebensjahren Angst, dass ich irgendwann einsam in einer kleinen Wohnung sitze und mein bester Freund der Computer ist, weil ich mit allem mithalten wollte und dabei vergessen habe, was wirklich zählt. Man kann jetzt schon Stunden mit dem Mailverkehr verbringen oder wenn man mal wieder das neuste Paper suchen muss. Wann habe ich die letzten Stunden glücklich in meiner Familie verbracht? Wenn ich darüber nachdenke stellt sich bei mir ein schlechtes Gewissen ein. Aber ich habe doch Träume, die ich verwirklichen will. Wie geht es den anderen Menschen dabei? Sie haben doch auch Träume und Hoffnungen. Ich selbst würde jetzt gern auch mal etwas verdienen nach der langen Durststrecke des Studiums. Ausserdem habe ich ja schon einen Schuldenberg an der Backe, bloss weil ich nicht aus reichem Hause komme. Das demotiviert in der freien Berufswahl. Bildung muss für jeden kostenfrei zugänglich sein, egal ob arm oder reich.

Klar wenn ich jetzt in einem der Pharmaunternehmen einen Job annehme, sind meine Geldsorgen bald passé. Doch dort sträubt sich mein Gewissen. Schliesslich darf man dann die Hand, die einen füttert nicht beissen, auch wenn sie einem mal bedrohlich die Luft abdrückt. Das widerstrebt aber einer freien Wissenschaft in der Kreativität und Innovation gefordert sind. Schliesslich wird aus den Universitäten auch immer mehr Geld abgezogen. Aber gerade da ziehen wir doch unsere kommenden Fachkräfte heran. Wenn ich jetzt am Arztstudium spare, brauche ich mich doch nicht wundern, wenn ich in zehn Jahren bei schweren Krankheiten von Pfuschern behandelt werde. Und da die Einsparungen dort noch nicht reichen, jagen wir die jungen Absolventen auch gleich noch davon. Auch ein Arzt ist nur ein Mensch und der kann nun mal nicht auf Dauer 24 Stunden oder mehr am Stück arbeiten. Klar ein paar Jahre geht alles gut und es gibt ausserdem immer genug Leute, die sich alles gefallen lassen, aber es geht dann ein grosser Teil verloren und wir stehen da, haben die Ausbildung finanziert und unsere Fachkräfte wandern ab.
Die Wurzeln hierzu sitzen aber noch viel tiefer. Wir sparen an der Grundschule und wenn unsere Kinder keine Leistungen mehr bringen, okay dann senken wir die Bedingungen fürs Gymnasium, wir müssen ja die Schulen füllen. Was für eine Logik ist das denn? Wäre es dann nicht sinnvoller, dass man an den Universitäten überlegt für die dringend benötigten Fächer Leistungstest einzusetzen, an denen jeder teilnehmen kann, egal, was er für Noten oder welchen Abschluss er hat.

Manche Menschen brauchen halt etwas Zeit, weil sie in ihrer Jugend andere Prioritäten gesetzt hatten, aber trotzdem sind sie später bereit Leistung zu bringen. Ausserdem heisst es nicht, dass ein Junge, der in Deutsch, Ethik und Französisch versagt, kein guter Maschinenbauingenieur wird. Und oft hängen sie dann in unbefriedigenden Berufen ab und wenn sie sich hilfesuchend ans Arbeitsamt wenden, bekommen sie nur zu hören: “Seien sie doch froh, sie haben ja Arbeit.” Der Zwang und die Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren macht so viel kaputt, nicht nur für die Arbeitnehmer. Es gibt doch schon zig Studien die nachweisen, dass die Motivation der Mitarbeiter bares Geld für den Arbeitgeber bedeutet. Warum ignorieren wir diese Fakten.

Man kann ein Unternehmen gar nicht so sehr kontrollieren, um unmotivierten Mitarbeitern Höchstleistungen abzuringen. Und doch scheinen Zwang und Angst die einzigen Dinge zu sein, welche sich viele Arbeitnehmer einfallen lassen. Da kann ich mich noch richtig glücklich schätzen, denn mein Beruf ist gesucht. Damit habe ich Wahlmöglichkeiten. Oder vielleicht ist es auch meine Einstellung. Ich habe schon bei Projekten gekündigt und gesagt, bevor ich unter so einem Chef weiterarbeite, gehe ich lieber nach Spanien Apfelsinen pflücken. Und trotzdem oder gerade deshalb habe ich meinen Weg gemacht und meinen Abschluss endlich bald in der Tasche. Plötzlich öffnet sich die Balkontür und mein Freund steht blinzelnd vor mir: “Was machst Du denn hier? Hast Du bis jetzt gearbeitet?” “Fast”, erwidere ich, “ich wollte noch etwas frische Luft schnappen nach der ganzen Lernerei.” Zärtlich drücke ich mich an seinen schlafwarmen Körper. Und mich durchströmt ein Gefühl der Zuversicht. “Du grübelst schon wieder zu viel!” “Ich weiss”, antworte ich. Beide stehen wir eng umschlungen und betrachten den Silberstreif am Horizont, der den Morgen ankündigt.

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