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PublicScience - Für mehr Öffentlichkeit in der Wissenschaft  

von
Katrin Leinweber, Jahrgang ‘87
studiert Life Science an der Universität Konstanz

Was sind die brennendsten Themen Forschungsfelder der Zukunft?
Bekanntermaßen lassen sich Voraussagen immer dann nicht so einfach treffen, wenn sie die Zukunft betreffen. Dies soll im Rahmen der Einführung jedoch nicht ausgelassen werden, wenngleich ich den Fokus eher auf die danach folgenden Überlegungen richten möchte. Die meines Erachtens wichtigsten Forschungsgebiete (und damit meine ich neben der Dringlichkeit, auch die Interessantheit, der zu erwartenden Wissenszuwächse und die Kontroversität der mit Sicherheit zu führenden Diskussionen) sind Energieeffizienz, Umweltschutz, Gentechnik und Kybernetik.  Viele Fragen drängen sich auf, was den ethisch vertretbaren, ökologisch notwendigen und ökonomisch machbaren Einsatz gewisser Techniken angeht. Welchen Strategien der Beantwortung ich am meisten Aussicht auf Erfolg zuschreibe, möchte ich im Folgenden näher erläutern. 

Welche gesellschaftlichen Fragen muss die Wissenschaft beantworten?
Zur Beantwortung dieser Frage muss zunächst geklärt werden, in was für einer Gesellschaft wir in Zukunft leben möchten. Erst aus der gesellschaftlichen Zielsetzung ergeben sich Fragen wie: “Wie erreichen wir dieses Ziel?”, “Welche Probleme werden sich auf dem Weg dorthin auftun?” und damit “Welchen Probleme und Fragen muss sich die Wissenschaft annehmen’?” und Wie kann die Wissenschaft die nötigen Lösungen und Antworten finden?”. Die Gesellschaft muss also meiner Ansicht nach selbst die Fragen formulieren, deren Beantwortung sie von der Wissenschaft erwartet. Mit dem heute oft zu beobachtenden Vorpreschen der Wissenschaft geht die Gefahr einher, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Antworten, die die Wissenschaft (ohne vorherigen gesellschaftlichen Konsens über die Wichtigkeit der Fragen) gibt, sinkt. Jedoch soll dies nicht bedeuten, dass Wissenschaft nicht auch selbstbestimmt Grenzen ausloten und einreißen sollte.

Es gilt zunächst einmal also, den schmalen Grad zwischen Zugpferd und Sündenbock nicht zur falschen Seite hin zu überschreiten. In welcher Gesellschaft möchten wir leben?  Es sollte weitgehende Übereinstimmung darüber herrschcn, dass die Ideale von Humanismus und Demokratie auch weiterhin in unserer Gesellschaft Bestand haben sollten. Insbesondere sind hier Menschenrechte, Gleichberechtigung, demokratische Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit, Nachhaltigkeit und Solidarität gemeint. In vielen Bereichen ist offensichtlich sogar eine stärkere Besinnung auf dieselben notwendig. Die Erosion des Rechtsstaates als Antwort auf terroristische Angriffe, die Aushöhlung des demokratischen Prozesses zugunsten von Partikularinteressen und somit der Verlust der Souveränität des Volkes, die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich, die fortschreitende Umweltzerstörung und viele weitere Probleme sehe ich begründet in einer verminderten Anerkennung der humanistischen und demokratischen Werte. Wissenschaftlich sind diese Werte insoweit, als dass ihre objektive Richtigkeit logisch-rational begründet werden kann, und sie sich zudem als die bisher beste Richtschnur für eine lebenswerte, menschliche Gesellschaft erwiesen haben.   Wie kann die Akzeptanz von wissenschaftlichem und technischem Fortschritt in der Bevölkerung erhöht werden?  Wer welche Ideen, Entdeckungen oder Erkenntnisse zuerst hatte, wäre sogar besser dokumentiert, als durch die heute übliche Publikation von Zusammenfassungen. Furcht vor “Abschreiben” und “Ideenklau” mag als Argument gegen die Idee eines offeneren Wissenschaftsbetriebs vorgebracht werden, wiegt aber die Vorteile keinesfalls auf. Ausbau und Pl1ege der Wissensalmende werden selbst von schwarzen Schafen, die entnehmen, aber nicht beitragen, nicht negativ beeinflusst, handelt es sich bei Wissen doch um eine immaterielle Ressource, die durch Teilen und Nutzen nicht weniger wird. Im Gegenteil.

Wie kann die Akzeptanz von wissenschaftlichem und technischem Fortschritt in der Bevölkerung erhöht werden?
Wissenschaftskritik aus der Öffentlichkeit kommt zumeist mit nur zwei Argumenten daher, die oft Unverständnis oder diffuse Angst ausdrücken: “Geldverschwendung” und “Elfenbeinturm”. Substanzielle Kritik ist leider selten, obwohl es sicherlich nicht wenige Ansatzpunkte dafür gäbe. Ich schlage zwei Maßnahmen zur Entkräftung der beiden Kritikpunkte vor. Zahlt der Steuerzahler für wissenschaftliche Arbeit, so hat er auch ein Anrecht auf freien Zugang zu den Ergebnissen und Erkenntnissen. Die Patentierung von Entdeckungen und Entwicklungen, die aus öffentlich finanzierter Forschung hervorgehen, beschränkt dieses Anrecht. Glücklicherweise unterstützt eine immer stärker werdende Bewegung (auch und gerade in der Gemeinde der Wissenschaftler) das Publikationsmodell “Open Access”. Wissenschaftliche Texte werden hier nicht als Marktware behandelt, wie es bei den etablierten Wissenschaftsverlagen der Fall ist, sondern als Teil der Wissensalmende, die jedem Menschen frei zur Verfügung steht.

Die digitale Publikation und Distribution verursacht geringere Kosten als Druck und Transport von Zeitschriften, die nicht dem Leser aufgebürdet werden (und somit eine Zugangshürde darstellen), sondern zum Beispiel von Autoren oder Institution übernommen werden. Da zudem Open Access-Journale nicht dem Zwang der Profitmaximierung unterliegen (müssen), reduzieren sich die Kosten weiter auf das notwendige Minimum zur Aufrechterhaltung der technischen Infrastruktur und personellen Besetzung. Neben der technischen und organisatorischen Ebene, auf der Verbesserungen wie oben beschrieben dringend nötig sind, kann auch jeder Wissenschaftler selbst etwas zum Dialog mit der Gesellschaft beitragen. Planung und Dokumentation von wissenschaftlichen Projekten könnte auf öffentlich zugänglichen Plattformen wie Blogs oder Wikis geschehen. Das Laborjournal könnte elektronisch und öffentlich geftihl1 werden. Nicht nur könnten so interessierte Laien (ihres Zeichens auch Steuerzahler) einen Einblick in wissenschaftliche Arbeit bekommen, sondern auch die Kooperation mit Kollegen an anderen Einrichtungen oder aus anderen Ländern könnte verbessert werden.

Stellen wir uns eine solche Forschungsumgebung als eine Umgebung der offenen Archive vor, jedoch in digitaler und durchsuchbarer Form. Welchen guten Grund gibt es, sich gegen die Umwandlung des wissenschaftlichen Erbes in ein Gemeingut, zu sträuben? Sicher kommt nun der Einwand, dass nur die peer-reviewte Publikation als Vehikel zur Ergebnis- und Erkenntniskundgebung akzeptiert wird. Ohne Frage hat sich diese Methode bewährt, jedoch lauern in ihrem Windschatten ein paar Probleme: Zeitdruck auf der Ebene der Publikation, Fokussierung auf diese und die “Forscherehre”. All dies fiele einfach weg, wenn der Forschungsprozess bis hinunter zu Experimentenplanung und -durchführung, Rohdaten, Auswertungs- und Interpretationsansätzen, etc. veröffentlicht würde.  

Auf die über diesem Wettbewerb stehende Frage “Was müssen wir in zehn Jahren unbedingt wissen?” möchte ich also abschließend antworten, dass wir ohne die Geisteshaltung, Wissen stärker als bisher zu teilen, es stärker als bisher als Gemeingut zu betrachten und vor allem den Wissenschaftsbetrieb stärker als bisher dem öffentlichen Interesse gegenüber zu öffnen, nicht weit kommen werden. Viele gute Beispiele weisen den Weg. Egal, was und wie viel wir quantitativ wissen (können), auf die Qualität der Zugänglichkeit kommt es an!

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