PORTRAIT > IBH > IBH Jubiläum > Seelenruhe im Jahr 2020?
 

Seelenruhe im Jahr 2020?

von
Marianne Müller, Jahrgang ‘83.
Sie studiert Angewandten Psychologie an der Universität Zürich.

Die Frage nach dem Glück beschäftigt die Menschen im 21. Jahrhundert ebenso wie jene Personen, welche in den Jahrhunderten davor gelebt haben. Die Vorstellung eines vom Glück beseelten und sorgenfreien Alltags ist verbreitet und die Jagd danach ebenso unaufhörlich. Lebens- oder Glücksratgeber verstärken den Glauben und den Wunsch nach dem Glück zusätzlich. Der heutige Stand der Dinge lässt vermuten, dass die Frage nach dem Glück auch in den nächsten zehn Jahren zum Nachdenken anregen wird. Glück ist laut der Emotionsforschung das umfassendste Gefühl tiefen Wohlbefindens, das Menschen im Laufe ihres Lebens entwickeln. Der Glückszustand beinhaltet die Harmonie der von Freud beschriebenen Ich-Instanzen (lch, Es, Über-Ich), die Integriertheit einer Person (Zusammenwirken von Denken, Handeln und Fühlen) oder das Wissen um selbstaktualisierende und -verwirklichende Fähigkeiten. Es ist eine extrem positive Emotion und vermittelt Ruhe und Harmonie.

Die neuere Glücksforschung subsumiert Glückszustände häufig in die beiden Gruppen “Situationsspezifisches Glückserleben” und “Biographisch entwickeltes Lebensglück” (Ulich & Mayring, 2003, S. 176). Situationsspezifisches Glück wird durch situative Ereignisse wie dem Gewinn eines Geldbetrages, einem taktisch geschickten Manöver, dem Fund eines Hufeisens oder dem Bestaunen eines schönen Fleckens Natur ausgelöst. Diese Art von Glück ist jedoch nur punktuell und verabschiedet sich nach einer gewissen Zeit wieder. Um das “Biographisch entwickelte Lebensglück” zu erreichen ist in der Regel Einsatz und Geschick erforderlich. Auch soll diese Art von Glück im Idealfall nicht nur punktuell auftreten, sondern über längere Zeit (Tage, Monate, Jahre) anhalten. Es muss daher  à la “Jeder ist seines Glückes Schmied” individuell zusammengezimmert werden, was eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe ist. Zur Verfügung steht dabei ein unerschöpfliches Arsenal an materiellen Ressourcen. Sie können durch finanzielle Mittel ausgelöst werden. Besonders gewiefte Glücksschmiede greifen auch auf die Möglichkeiten des zwischenmenschlichen Kontakts zurück.

Viele der Mühen, das biographische entwickelte Lebensglück herbeizuführen, erweisen sich als vergeblich. Denn Glück ist als emotionaler Zustand punktuell, was auch für das scheinbar existierende “Biographisch entwickelte Lebensglück” gilt. Ein Glückszustand kann nicht dauerhaft sein, denn Glück verabschiedet sich nach Verrichtung der Dinge in aller Regel wieder. Dies hat unter anderem mit den neurologischen Prozessen im Gehirn zu tun. Bei glücklichen Erlebnissen wird durch sensorisch übertragene Reize der Hypothalamus aktiviert. Er leitet die empfangenen Signale an die Hypophyse weiter. Bei glücklichen Geschehnissen beginnt die Hypophyse mit der Ausschüttung von körpereigenen Opiat-ähnlichen Substanzen wie Endorphin, Serotonin und Dopamin (sogenannte Glückshormone). Diese werden in der Fachsprache auch als Neurotransmitter bezeichnet und können die Signale des Glücks im ganzen Körper verbreiten. Um einen über längere Zeit anhaltenden Glückszustand zu erleben, müsste somit der beschriebene Kreislauf stetig aktiviert sein. Dafür ist das menschliche Gehirn jedoch nicht ausgelegt und es gönnt sich nach Anstrengung ebenfalls Pausen zur Regeneration. Hinzu kommt, dass Glück relativ und nicht absolut zu verstehen ist. Die Skala, auf welcher das Glücksempfinden angegeben werden kann, wird von jeder Person immer wieder neu justiert. Wann ein Mensch das Maximum von zehn Punkten ankreuzt, hängt nicht davon ab, was er soeben an Glücklichem erlebt hat. Sondern davon, wie er jenes Glückliche bewertet. So löst beispielsweise der Fund eines Zehnfrankenscheins in Ländern mit unterschiedlichem Wohlstand auch unterschiedliche Reaktionen aus. In der Psychologie wird dieses Phänomen “Anpassungsniveau” genannt. Es hat zur Folge, dass es immer schwieriger wird, Menschen zufrieden zu stellen. Denn Menschen gewöhnen sich im Handumdrehen an einen gewissen Standard und streben deshalb nach mehr. Dieses Streben nach mehr kann auch mit Stress einhergehen. Stress wiederum bewirkt nach einer gewissen Zeit das Ausbleiben des Glückhormons Dopamin. Dies wiederum beschleunigt die Entstehung von Unglück oder kann nach längerer Zeit zu einer Depression führen.

Ähnliches kann auch für den sogenannten sozialen Vergleich vermerkt werden. “Sozialer Vergleich” bedeutet, dass Menschen sich häufig mit anderen Menschen vergleichen. Hinsichtlich Vermögen, Einkommen, materiellen Gütern, sozialem Wohlstand oder Äusserlichkeiten. Dies macht es sehr schwierig, mit dem persönlich Erreichten zufrieden zu sein. Diesen Umstand beschreibt auch das Zitat des britischen Philosophen Bertrand RusselI: “Bettler beneiden keine Millionäre, sondern andere Bettler, die mehr verdienen als sie selbst.”

Die Ausführungen lassen vermuten, dass es beinahe unmöglich ist, den andauernden Glückszustand zu erreichen. Dies legt auch ein Blick in die Philosophiegeschichte des Abendlandes näher. 300 vor Christus war Epikur einer der ersten Denker, welcher weitereichende Überlegungen zum Glück anstellte. Seine Anhänger, die Epikuräer, stellten die Lebensfreude ins Zentrum ihres Strebens und plädierten dafür, das Leben in vollen Zügen auszukosten und auf so wenig wie möglich zu verzichten. Eine Haltung, welche bereits zu dieser Zeit stark kritisiert wurde und wohl auch heute nicht als gangbarer Weg gelten kann. Im Jahre 58 nach Christus erweckte der römische Philosoph Seneca mit seinem Brief “Über das glückliche Leben” die Aufmerksamkeit. Seneca zählt zu den meistgelesenen Philosophen seiner Zeit. In seinem Brief beschrieb er das Glück als zu hoch gehandelt, als Nebenbei oder angenehme Zugabe. Keinesfalls sei es aber das zentrale Motiv, welches den Menschen bewege. Das Leben im Überfluss beschreibt er mit den Worten: “Wir wissen gar nicht, wie viele Dinge, an die wir gewöhnt sind, überflüssig sind - bis wir anfangen, auch ohne sie auszukommen” (zit. nach Marcuse, 1972, S. 93). Senecas eigener Lebensstil war pompös, er gewöhnte sich jedoch im Lauf des Lebens einige Verhaltensweisen ab und lebte so in einigen Bereichen zurückhaltend. Trotzdem erntete er häufig die Kritik, nicht im Einklang mit seiner Lehre zu leben. Es zeigt aber auch auf, dass Seneca sich bereits mit ähnlichen Fragen auseinandersetzte, wie es die moderne Gesellschaft heute tut. Wollte er die Vorteile des höfischen Lebens auskosten oder sich den Herausforderungen eines gemässigten Lebenswandels stellen? Seneca folgte der Lehre der Stoiker, welche die Seelenruhe als höchstes Gut ansieht. Zur Seelenruhe gelange man hauptsächlich durch die Vernunft, da sie in der Lage ist, die Affekte des Menschen zu kontrollieren. Dadurch können Lust, Begierde oder Furcht im Zaun gehalten werden. So werde die Gefahr gebannt, in Abhängigkeit zu geraten und es gelingt, gelassener durchs Leben zu wandern und sich dem Lebensfluss hinzugeben.

Es sind Überlegungen, die an Aktualität nichts eingebüsst haben. In einer vom Galopp beherrschten Zeit wird ihnen jedoch wenig Beachtung geschenkt. Um 400 nach Christus lebte der Mailänder Professor und Philosoph Aurelius Augustinus. Er lebte ebenfalls ein prunkvolles höfisches Leben, welches ihn jedoch nicht erfüllen konnte. Er war der Ansicht, dass es unterschiedliche Arten von Glück gab und in jeder Sache wieder eine andere Art von Glück zu finden sei. Deshalb auch war er häufig hin und her gerissen zwischen all den Verlockungen die das Hofleben bieten konnte und dem Wissen, dass es auch noch andere Lebensweisen gibt, die Glück versprechen. Zu ähnlichen Erkenntnissen gelang Constantin Psellus, der im Jahr 1018 in der Metropole Konstantinopel geboren wurde. Er war ein angesehener Herr in der umtriebigen Stadt, Minister und Vertrauter von zahlreichen Kaiserinnen und Kaisern und daneben auch als Lehrer und Erzieher tätig. Er tauschte das rauschende Stadtleben zahlreiche Male gegen das Leben im Kloster ein, konnte aber durch keinen der beiden Lebensweisen zum Glück gelangen. Der Sozialist Robert Owen kaufte 1825 die amerikanische Stadt New Harmony und wollte sie zu einer Quelle des Glücks umfunktionieren. Alle Leute, welche dort lebten und im Verlaufe des Experiments zuzogen, sollten glücklich werden. Grundlage dazu bildeten sozialistische Grundsätze, die den Mitbürgern der Stadt zu Gleichberechtigung und Solidarität verhelfen sollten. Trotz der Vereinheitlichung vieler Abläufe bildeten sich Gruppen und nur zwei Jahre nach dem Start musste das Experiment aufgegeben werden.

Zu den Personen, welche ihr eigenes Leben ebenfalls als tatsächlich vom Glück erfüllt anzweifelten, zählt Leo Tolstoi. Obwohl der russische Schriftsteller objektiv betrachtet das häufig prophezeite Leben eines glücklichen Menschen führte, er war erfolgreicher Schriftsteller, Ehemann und Familienvater, war er nicht glücklich. Tolstoi war der Überzeugung, dass insbesondere der Dienst am Mitmenschen eine tiefe Erfüllung mit sich bringen konnte. So zog er sich trotz seines Erfolgs zeitweise vom öffentlichen Leben zurück und unterrichtete Jugendliche in Lesen und Schreiben oder half von der Hungersnot bedrohten Gebieten.

Der Text legt nahe, dass die Suche nach dem Glück schwierig ist. Es stellt sich deshalb die Frage, ob dem Glück im Alltag tatsächlich ein derart grossen Stellenwert eingeräumt werden soll. Unsere Vorfahren, welche täglich ums Überleben kämpfen mussten, hatten vermutlich noch ziemlich wenig Zeit, sich um Glück zu kümmern. Heutzutage ist die Suche nach dem Glück unauflhörlich und ebenso die Prahlerei mit angeblichem Lebensglück. Allen voran der Mensch in der westlichen Zivilisation verfügt über genügend finanzielle Möglichkeiten und kann sich deshalb ausreichend Gedanken über neue Anschaffungen und Unternehmungen machen. Die Dekonstruktion von Lebensweisen wird in den nächsten Jahren nicht zu erwarten sein. Es könnte jedoch als Denkansatz helfen, einen weniger überfüllten und eventuell reicheren Lebensstil aufzubauen. Technische Fortschritte sind wünschenswert, auch weil sie den Alltag vereinfachen und bereichern können. Aber neuartige Produkte wie iPad oder die Kommunikationsplattform facebook stellen die Menschen im Gegenzug immer wieder vor Fragen nach der Nützlichkeit solcher Innovationen.

In den nächsten 10 Jahren wird dies wohl eher zunehmen, deshalb ist es umso wichtiger, dass jedes Individuum sich bewusst ist, in welche Richtung es trotz des hohen Tempos gehen möchte. In der heutigen vom Fortschritt geprägten Welt, wo kaum etwas unmöglich erscheint und für Geld beinahe alles zu haben ist, treten gewisse Grundsätze des Lebens zum Teil in den Hintergrund. Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage, anzuerkennen, dass das Leben nicht nur aus Höhen oder Glückszuständen besteht, sondern auch aus Tiefen und weniger guten Zeiten. In einer Gesellschaft, in welcher der Konkurrenzkampf sich in beinahe allen Bereichen verdichtet, wird es immer schwieriger, den Lauf der Dinge anzunehmen und sich eigene Grenzen zu setzen. Das Leben beinhaltet immer beides: Höhen und Tiefen, Glück und Unglück, Freud und Leid. Wer das akzeptieren kann, wird wohl auch im nächsten Jahrzehnt zu den Vorreitern gehören. Oder wie es Seneca formuliert: “Glücklich ist, wer mit dem Bestehenden, sei wie es wolle, zufrieden und mit seinem Zustande befreundet ist” (zit. nach Marcuse, 1972, S. 112).

Verwendete Literatur
Marcuse, L. (1972). Philosophie des Glücks. Von Hiob bis Freud. Zürich: Diogenes.
Ulich, D. & Mayring, P., (2003) . Psychologie der Emotionen (2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Alle Rechte bei der Autorin.
Text als PDF