Altersmigration und Gesundheitstourismus als Treiber des regionalen Strukturwandels (AlGeTrei)

International hat Altersmigration durch den Begriff der „Floridarisierung“ eine breite öffentliche Wahrnehmung erfahren. Ältere Menschen fühlen sich nicht dauerhaft an ihre Heimatorte gebunden, soziale und familiare Bindungen werden zunehmend brüchig. So entsteht im Alter immer stärker der Wunsch, sich an „Sehnsuchtsorten“ nieder zu lassen. Dies sind Orte mit einer guten Infrastruktur im Bereich von Dienstleistung und Gesundheit, Orte mit besonderen klimatischen oder landschaftlichen Reizen sowie Orte, welche Ruhe und Erholung versprechen. So sind gerade Kurorte oder bestimmte Ferienregionen zunehmend von einem Zuzug älterer Bürger betroffen. Dieses Phänomen lässt sich an einigen touristischen Hotspots in der Bodenseeregion beobachten, im Allgäu ist dies verstärkt im Ort Bad Wörishofen der Fall.

Dabei ändert sich die demografische Struktur in diesen Orten nicht alleine im klassischen Sinne, indem die Wohnbevölkerung „altert“. Neben der „alternden“ Wohnbevölkerung kommt zunehmend eine Kohorte weiterer älterer Menschen hinzu, welche nicht über familiare Bindungen oder gewachsene soziale Bindungen vor Ort verfügt. Es sind Menschen welche mit eigenen Biografien und oft auch recht unterschiedlichen Motiven sich einen Ort des letzten Lebensabschnitts wählen. Sie nutzen dabei die vorhandenen Vorzüge und Infrastrukturen ohne diese bislang aktiv gestaltet zu haben und oftmals auch ohne längerfristige Gestaltungsperspektive. Sie sind Konsumenten an einem neuen Ort.

Hier stellt sich die Frage, wie diese integriert werden können, wie sie Teil des Gemeinwesens werden und wie ihre Anwesenheit dauerhaft das Gemeinwesen ändert. Auf Bad Wörishofen trifft dies zunehmend zu, so werden im Besonderen Gesundheitsdienstleistungen, aber auch kulturelle und soziale Dienstleistungen immer stärker von Menschen in Anspruch genommen, welche ihren Altersruhesitz in Teilen oder in Gänze dorthin verlegt haben. Allerdings ist dies kein auf den Ort isoliertes Phänomen. Wir gehen davon aus, dass die gesamte Bodenseeregion in den kommenden Jahren und Jahrzehnten von einem vermehrten Zuzug aus den benachbarten Ballungsräumen betroffen sein wird. Dies kann und wird Vorteile mit sich bringen, wird aber auch zu neuen Aufgaben und Anforderungen an die vorhandene Infrastruktur sowie an das Zusammenleben der Generationen bergen. Dies kann zur Verdrängung junger Familien in der Versorgung mit Wohnraum, steigenden Mieten und Bodenrenditen, einem Rückzug produzierenden Gewerbes sowie einer Fokussierung auf den Dienstleistungsmarkt führen.

Gemeinsam gestalten die Hochschule Kempten sowie die Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn ein interregionales Forschungs- und Entwicklungsprojekt. Neben der stärker „passiven“ Nutzung der vorhandenen Infrastruktur sind auch andere Szenarien denkbar, etwa die der Vitalisierung des ländlichen Raumes durch den Transfer ökonomischer Ressourcen, eines Gewinns an kultureller wie sozialer Kompetenz sowie der Entstehung generationenübergreifender kommunikativer Kompetenzen und der Entwicklung innovativer Modelle im Bereich Social Entrepreneurship. Hierzu will das regionale Entwicklungsprojekt einen fundierten Problemaufriss erstellen und gemeinsam mit den Akteuren vor Ort kommunale Entwicklungsprojekte anstoßen und begleiten. Die hier gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse werden auf ihre Übertragbarkeit und Skalierbarkeit geprüft und verstärkt in affine Bereiche des Bodenseeraums bereits während der Projektlaufzeit sukzessive disseminiert.

Das Projekt sieht dabei u.a. die Entwicklung von altersaffinen Service-Dienstleistungen im Bereiche des Tourismus/Gesundheitstourismus vor. Dieses Segment der Wertschöpfung ist in der gesamten Bodenseeregion von außerordentlichem Interesse. Auf Seiten des Allgäus werden wir neben den Hochschule Kempten als starke Praxis-Praxispartner die Stadt Bad-Wörishofen und diverse Anbieter im Segment der Ausbildung von Physiotherapeuten (Kneipp-Akademie) und der Hotellerie mit in das Projekt einbringen können. Weitere Partner (Bayerische Heilbäder-Verband, Allgäu-GmbH, Krankenkassen etc.) sind vorgesehen. Die Forschungsperspektive sieht eine sozialwissenschaftlich fundierte Basis vor (DELPHI), welche praxisbezogen innovative Lösungen für neue Angebote in den Dienstleistungssektoren Gesundheit und Tourismus erarbeiten wird. Die Hochschule Kempten wird hier mit dem Mittelstandinstitut Kempten (MIT) und der Fachhochschule Vorarlberg das Forschungskonsortium bilden, welches gemeinsam Strategien und Instrumente entwickelt und den Forschungsprozess designed. Hier geht es darum unsere Forschungsaktivitäten zu vernetzen und unsere Forschungskompetenz vor Ort zu stärken. Weiterhin ist es Absicht der Fachhochschule Vorarlberg sowie der Hochschule Kempten uns als starker Anbieter im Bereich praxisrelevanter Forschung auch überregional mit diesem Thema zu etablieren. Angestrebt wird dabei ein offener Forschungsprozess, welcher jederzeit weitere Interessenten der IBH mit einbinden will. Langfristig soll daraus eine offene Forschungsplattform entstehen, welche nach innen wie außen Forschungsdienstleitungen anbieten wird.

Die Entwicklungsperspektive sieht eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger – vor Ort – in der Gestaltung demografierelevanter Aspekte sich rasant verändernder Gemeinwesen vor. Dies umfasst Themen in den Bereichen

  • infrastrukturellen Maßnahmen (Wohnen, Barrierefreiheit, Nahversorgung),
  • gesellschaftlichen Teilhabe (Nachbarschaft, Gemeinde, intergenerativer Dialog),
  • kulturelles Gestalten sowie
  • Gesundheit und Pflege

Am Projekt können weitere ausgesuchte Gemeinden der Regionen Vorarlberg sowie des Allgäus teilnehmen. Hier bietet sich zum einen ein Vergleich der Situationen in den beiden Regionen an. Dies soll allerdings nicht als Gegenüberstellung der Regionen im klassischen Sinne verstanden werden, vielmehr soll ein itterartiver Prozess des voneinander Lernens in Gang gesetzt werden.
Da es sich um ein Regionalprojekt handelt, soll kein reines Forschungsprogramm im Sinne einer ausschließlich empirischen Studie anzulegen und Expertenwissen generiert werden, sondern vielmehr geht es um eine Entwicklungsperspektive unter Einbeziehung betroffener Bürgerinnen und Bürger welche Best-Practice-Projekte.

Keywords: Migration, Demographie, Strukturwandel

Beteiligte Projektpartner: Hochschule Kempten (Projektleitung), Fachhochschule Vorarlberg

Projektlaufzeit: 1.1.2016 – 31.12.2017

Projektplakat: IBH_ProjektPlakate_A0_ALGeTrei