Resiliente Gemeinden in der Modellregion Bodensee

8. April 2018

Das von der IBH geförderte Regionalprojekt Resiliente Gemeinden will Beispiele aufzeigen, wie Gemeinden und Regionen ihre Bevölkerungen aktiv in kommunale Entscheidungsprozesse einbinden können.In einem Dreiländer-Vergleich mit Deutschland, Österreich und der Schweiz erarbeitet das Team mit Forschenden der FHS St. Gallen, der FH Vorarlberg und der Zeppelin Universität praktische Beteiligungswerkzeuge für Gemeinden und Regionen. Wie das geschehen soll, erklären die Forschenden im Interview.

Welche Ziele verfolgen Sie mit diesem Projekt?

Es zeigt sich immer mehr, dass die Herausforderungen für unsere Gemeinden angesichts wichtiger Themen wie Globalisierung oder Digitalisierung, und aufgrund demographischer und wirtschaftlicher Veränderungen grösser werden. Eine Möglichkeit, diesen Themen gemeinsam zu begegnen, sind kommunale Partizipationsprozesse, in denen die Einwohnerinnen und Einwohner proaktiv in politische Entscheidungen miteinbezogen, aktuell wichtige Fragen des Zusammenlebens diskutiert und womöglich auch gemeinsam über künftige Entwicklungsrichtungen entschieden werden. In unserem IBH-Regionalprojekt verfolgen wir vor dieser Ausgangslage drei Ziele. Erstens wollen wir herausfinden, was die Erfolgsbedingungen und Stolpersteine in kommunalen partizipativen Prozessen sind – und ob sich diese in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterscheiden. Zweitens wollen wir herausfinden, wie Gemeinden angesichts der zunehmenden Komplexität ihrer Aufgaben resilienter werden können – also wie sie kommenden Herausforderungen robust und agil entgegentreten können. Dafür ist zuerst einmal eine praxisorientierte Definition für kommunale Resilienz notwendig. Drittens schliesslich verbinden wir die Frage nach der Resilienz von Gemeinden mit den untersuchten Partizipationsprozessen. Dabei fokussieren wir uns darauf, was der Einfluss gut strukturierter und erfolgreich durchgeführter Partizipationsprozesse auf die Resilienz – oder einfacher: auf die Zukunftsfähigkeit – von Gemeinden sein kann.

Welches sind die ersten Projektschritte?

In den ersten Projektschritten recherchieren wir die wichtigsten Themen und Konzepte unseres Projekts. Dabei setzen wir uns – momentan vor allem noch am eigenen Schreibtisch – unter anderem mit Erfolgsbedingungen und Stolpersteinen für partizipative Prozesse auseinander; also mit Fragen wie: Wer muss in partizipative Prozesse eingebunden werden, um diese erfolgreich abzuschliessen? Was müssen Gemeindepolitikerinnen und -politiker für einen erfolgreichen Prozess leisten? Wie offen darf das gemeinsam zu bearbeitende Thema gefasst sein? Was ist die Rolle externer Moderatorinnen und Moderatoren? Gleichzeitig befassen wir uns mit verschiedenen Konzepten von Resilienz und bereits vergleichend mit den unterschiedlichen politischen Systemen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Letztere, so nehmen wir an, haben spezifische Einflüsse auf die politische Kultur und die Mitbestimmung der Bevölkerung in den Gemeinden. Andererseits fokussieren wir uns momentan auf die Planung der Workshops in den Gemeinden. Wir sind daran, Gemeinden auszuwählen, in denen partizipative Prozesse stattgefunden haben, um sie dann ab nächstem Herbst genauer unter die Lupe nehmen zu können.

Auf welche Weise binden Sie die Praxis in das Projekt ein?

Wir arbeiten mit verschiedenen Praxispartnerinnen und -partnern zusammen: Wichtig sind dabei privatwirtschaftliche Organisationen und Ämter, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit partizipativen Prozessen auseinandersetzen, solche Prozesse begleiten, designen und moderieren. Unsere Partnerinnen und Partner verfügen über Expertenwissen zu Erfolgsbedingungen und Stolpersteinen von Partizipationsprozessen. Mit ihnen werden wir unsere ersten Erkenntnisse aus der Recherchearbeit validieren, um die Workshops vorzubereiten, die im Herbst starten sollen. Gleiches soll mit der ersten Arbeitsdefinition von kommunaler Resilienz geschehen. Zweitens arbeiten wir ab nächstem Herbst intensiver mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern bereits abgelaufener partizipativer Prozesse in voraussichtlich sechs Gemeinden zusammen. Dies sind einerseits die politischen Verantwortlichen in den Gemeinden, aber auch Teilnehmende aus der Bevölkerung. Wir wollen gemeinsam mit ihnen den abgeschlossenen partizipativen Prozess reflektieren und sie zu ihrer individuellen Wahrnehmung des erlebten Prozesses befragen. So nutzen wir in den Gemeinden bereits vorhandenes Wissen, um die am Schreibtisch erarbeiteten theoretischen Konzepte empirischen Befunden gegenüberzustellen.

Welchen Mehrwert versprechen Sie sich mit den Ergebnissen für die Bodenseeregion?

Auch für die Gemeinden der Bodenseeregion gilt, dass ihre Herausforderungen künftig nicht kleiner  werden. Es bedarf dabei immer häufiger politischer Lösungen, die über Verwaltungseinheits-, Gemeinde- oder gar Landesgrenzen hinweg angegangen werden müssen. Die Basis solcher Lösungen können neu gebildete, thematisch über die angesprochenen Grenzen hinaus entstehende Netzwerke und Kooperationen sein. Besonders gut akzeptiert – und darum auch langfristig stabil – sind solche Netzwerke von der Bevölkerung, wenn sie in die Erarbeitung einbezogen wird und inhaltlich teilhaben kann. Diesbezüglich versprechen wir uns, mit unserem Projekt vertiefte und systematische Einsichten in das Funktionieren von Partizipationsprozessen und Hinweise auf das Zusammenspiel zusätzlicher Formen der lokalen Teilhabe und der Resilienz von Gemeinden zu gewinnen. Eminent wichtig ist, dass die Resultate auch den Gemeinden zurückgespielt werden können. Um unsere Erkenntnisse öffentlich zugänglich zu machen, ist darum als wichtigstes Produkt ein Handbuch geplant, dem politische Entscheidungsträgerinnen und -träger die wichtigsten Erfolgsbedingungen, aber auch Stolpersteine bei der Erarbeitung und Umsetzung von Partizipationsprozessen entnehmen können.

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