Dialekt und Standardsprache bei Kindern

28. Februar 2020
Das trinationale Forschungsvorhaben Varietätenerwerb im Alemannischen Sprachraum untersucht den variativen Spracherwerb von einsprachig dialektsprechenden Kindern im Alter von 2–9 Jahren im alemannischen Sprachraum in der Bodenseeregion. Das Projekt wird getragen von der Schweizer Hochschule für Logopädie Rorschach und der PH Weingarten. Wir haben mit Projektleiterin Mirja Bohnert-Kraus gesprochen.
 
Was bedeutet Varietätenerwerb?

Varietätenerwerb ist eine besondere Form des Spracherwerbs. Während man beim Spracherwerb zwischen Muttersprache und Fremdsprache unterscheidet, bezieht sich der der Varietätenerwerb auf das Lernen eines Dialekts oder Regiolekts. Der Dialekt- oder Regiolekt erfolgt in der Regel in der Familie. Darauf folgt der Standardsprache, die systematisch spätestens in der Grundschule vermittelt wird.

Was sind die Ziele des Projekts?

Mit diesem Projekt wollen wir die Voraussetzungen für eine grösser angelegte Studie zum Varietätenerwerb schaffen. Inhaltlich sollen im geplanten Projekt die typischen Erwerbsschritte (sog. Meilensteine) im nicht-standardsprachlichen Spracherwerb, d. h. im Dialekt oder im Regiolekt, ermittelt werden. Diese Erkenntnisse wollen wir unter anderem für die zuverlässigere Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen nutzen. Darüber hinaus soll untersucht werden, wie Kinder Variationskompetenz erwerben. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Unterschiede zwischen Hochsprache und Dialekt und/oder Regiolekt zu erkennen und diese Varietäten auf Situationen angepasst verwenden zu können. Zudem werden Einstellungstendenzen gegenüber den Varietäten sowohl von Kindern als auch deren Eltern erfasst. Damit wollen wir Antworten darauf geben, was Kinder und Eltern mit Hochsprache und Dialekt/Regiolekt verbinden. All dies analysieren wir vergleichend zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Das Initialprojekt dient als Pilotstudie, um dieses gross angelegte Projekt vorbereiten zu können. Deshalb werden auch eine Reihe von Partnern einbezogen, mit denen wir professionsübergreifend die Methodik zur Datenerhebung und -auswertung festlegen, um sie in der Pilotstudie zu erproben. Im Rahmen der Pilotphase werden wir insbesondere Betreuungseinrichtungen (Kindergärten) als Praxispartner in das Konsortium integrieren. Am Ende der Pilotphase erstellen wir schlussendlich einen Antrag für eine grosse länderübergreifende Projektförderung im Rahmen des gemeinsamen Lead-Agency-Verfahrens der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Schweizer Nationalfonds (SNF) und des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF.

Warum ist die Bodenseeregion ein ideales Untersuchungsgebiet für Ihr Projekt?

Die Bodenseeregion zeichnet sich dadurch aus, dass in allen Anrainerstaaten alemannische Dialekte gesprochen werden. Der Dialektgebrauch ist identitätsstiftend und weitestgehend positiv konnotiert. Das unterscheidet die Bodenseeregion von anderen Regionen. Da der Dialektgebrauch in den (vor)schulischen Bildungseinrichtungen der einzelnen Länder unterschiedlich gehandhabt wird, können wir die Auswirkungen der Verwendung in einer idealen Situation vergleichend untersuchen. Gerade aufgrund der Vitalität der Dialekte im Bodenseeraum stellen die Erfassung von Meilensteinen des nicht-standardsprachlichen Erwerbs, der Erwerb der Variationskompetenz sowie die Erstellung oder Adaption von Diagnostikinstrumenten hier ein besonders vielversprechendes Forschungsfeld dar.

Wie gehen Sie konkret in Ihrem Projekt vor?

Nachdem in der Projektgruppe (zusammengesetzt aus VertreterInnen der Variationslinguistik, Klinischen Linguistik, Logopädie, Neurolinguistik) die Entscheidung über die Erhebungsmethodik (u. a. Testverfahren, Ermittlung der Akzeptanz von Eltern für neurolinguistische Methoden) getroffen wurde, erproben wir in einer Pilotstudie unsere Methodik. Darüber hinaus erfolgen Vorarbeiten für die Probandenakquise, um Betreuungseinrichtungen zu finden, in denen zumindest temporär Dialekt verwendet und Schriftsprache im letzten Kindergartenjahr thematisiert wird. Des Weiteren wird ein Ethikvotum bei der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) eingeholt, das für den parallel zu erstellenden Förderantrag an die DFG, den SNF und den FWF obligatorisch benötigt wird.

Was muss gelingen, damit Sie das Projekt nach Abschluss als erfolgreich bezeichnen würden?

Da es sich um ein IBH-Initialprojekt handelt, das dem Zweck dient, in einer größer angelegten Studie zu münden, muss, um erfolgreich zu sein, der Antrag für eine grosse internationale Projektförderung positiv beurteilt werden. Notwendig hierfür ist, dass der Ausbau des Netzwerks gelingt, sich die Methoden der Datenerhebung und -analyse als zielführend herausstellen und insbesondere genug Praxispartner aus der Bodenseeregion gewonnen werden können.