Immaterielles Kulturerbe in der Bodenseeregion

2. April 2020
Das vielfältige immaterielle Kulturerbe aufarbeiten und seine Funktion für die kulturelle Identität, regionale Integration und Vermarktung der Bodenseeregion aufzeigen will das IBH-Projekt IMMOERBO. Es wird getragen von der ZHAW, der HTWG Konstanz, der Zürcher Hochschule der Künste und dem Vorarlberger Landeskonservatorium. Wir haben mit den ProjektleiterInnen Leticia Labaronne und Felix Girke gesprochen.
 
 
Was sind die Ziele des Projekts?

Ebenso wie historische Bauten oder eindrucksvolle Naturdenkmäler spielt auch immaterielles Erbe z. B. in Form von Kulturpraktiken oder Wissen eine wichtige Rolle für die Identität, die regionale Integration und Vermarktung der Bodenseeregion. Das immaterielle Erbe in der Region ist vielfältig. Traditionen wie etwa die Konstanzer Fasnacht, die Oberschwabener Funkenfeuer, die Vorarlberger Volksmusik oder der Silvesterchlausen Urnäsch sind eng an Institutionen und Orte gebunden. Diese Traditionen werden von unterschiedlichen TrägerInnen gestützt und haben eigene Geschichten.
Damit zeichnet sich immaterielles Erbe ebenso wie das lange stärker beachtete materielle Erbe durch Immobilität aus. Diese Immobilität ist heute mit Mobilitätsdynamiken wie etwa Tourismus, Zu- und Abwanderung oder dem beschleunigten demographischen und medialen Wandel konfrontiert. Mit dem Projekt wollen wir die Einstellungen der Träger zu diesem Wandel sowie deren praktischen Umgang mit regionalen Mobilitätsdynamiken zu untersuchen.

Was macht das Projekt besonders?

Die Frage, wie Mobilitätsdynamiken die Erscheinungsformen von Traditionen beeinflussen, die nicht mobil sondern an einen Ort verhaftet sind, und ob diese positiv oder eher zu ihrem Nachteil verändert werden, ist wissenschaftlich bisher kaum bearbeitet worden. Dabei ist das Thema kulturelles Erbe im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz, Tourismus und regionaler Identität auch bereits für die Bodenseeregion z. B vom ThinkTank Denkraum Bodensee als relevant identifiziert worden.
In dem Forschungsprojekt widmen wir uns daher in enger Kooperation mit regionalen Akteuren aus Wissenschaft und Praxis folgenden Fragen: Wer sind die aktiven TrägerInnen immateriellen Erbes? Wie beeinflusst die Abwanderung junger Menschen aus der ländlich geprägten Region die Tradierung immateriellen Erbes? Auf welche Weise steht das regionale immaterielle Erbe für Zugezogene offen? Welchen Einfluss hat die Mediatisierung von Öffentlichkeit sowie der Event-Tourismus auf die Präsentation, Interpretation und Bewahrung des immateriellen Erbes? Welche Steuerungsmöglichkeiten stehen den Trägern und anderen Akteuren zur Verfügung? Welche anderen gesellschaftlichen Bereiche profitieren von der Pflege immateriellen Erbes?
Um die Ergebnisse der Studien langfristig nutzbar zu machen, wird eine Kollaborationsplattform eingerichtet, die Partnern und Trägern Vernetzung und gegenseitiges Lernen ermöglicht. So trägt das Projekt zu einem besseren Verständnis immateriellen Erbes, kultureller Identität und der Steuerung nachhaltiger Regionalentwicklung bei.

Wie gehen Sie konkret in Ihrem Projekt vor?

Wir verfolgen einen Fallstudienansatz und befassen uns intensiv mit der Konstanzer Fasnacht, den Oberschwabener Funkenfeuer, der Vorarlberger Volksmusik sowie der Silvesterchlausen Urnäsch. Diese Auswahl spiegelt die Vielfalt der Bodenseeregion aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wieder und deckt ein breites empirisches Spektrum ab, wobei wir immer auch vergleichend arbeiten werden.
Geplant sind neben Literaturstudien vor allem Beobachtungen, Befragungen und die Teilnahme an den zentralen Standorten der Fallstudien. Wichtig ist es uns dabei, die Perspektiven unterschiedlicher Akteure zu berücksichtigen. In das interdisziplinäre Forschungsvorhaben fließen in erster Linie Kompetenzen aus der ethnologischen Forschung und der qualitativen und quantitativen empirischen Sozialforschung ein.

Was muss gelingen, damit Sie das Projekt nach Abschluss als erfolgreich bezeichnen würden?

Zunächst sollen relevante Stakeholder und Zielgruppen für das Problemfeld “Mobilitätsdynamiken und immaterielles Kulturerbe” sensibilisiert werden. Durch fundierte Information, wissenschaftliche Erkenntnisse und Vernetzungsmassnahmen soll die Autonomie der TrägerInnen kulturellen Erbes im Sinne der von der UNESCO vorgeschlagenen Richtlinien einer verantwortlichen Governance gestärkt werden.
Mithilfe der Fallstudienarbeit, der entstehenden Kollaborationsplattform sowie der Ausrichtung einer Fachtagung möchten wir zudem Diskussionsräume schaffen, die die Handlungsfähigkeit der lokalen Träger des Erbes am Bodensee stärken und zu einer vernetzten regionalen Kulturpolitik führen, in der man sich aktiv Gedanken über das integrative Potential des reichen immateriellen Kulturerbes der Region macht.
Wissenschaftlich gesehen ist Betrachtung von immateriellem Erbe als immobil eine genuine Innovation, die wir durch einschlägige Veröffentlichungen in laufende Debatten zur Mobilität einbringen wollen.