Schreibkompetenz von BerufsschülerInnen in der Bodenseeregion fördern

5. März 2019

Seit Jahren ist die Abbruchquote in der Berufsausbildung auf einem hohen Niveau. Doch gerade ein Ausbildungsabbruch birgt hohe Risiken für die Erwerbsbiographie des Einzelnen und für die Gesellschaft. Mit dem Ziel die erste systematisch, empirische Erhebung der schriftsprachlichen Kompetenz von SchülerInnen in der beruflichen Bildung im deutschsprachigen Raum durchzuführen, ist das IBH-Projekt „Förderung der allgemeinen Schreibkompetenz nach Lernenden-Profilen“ zu Beginn dieses Jahres gestartet. Im Interview erzählen Joachim Hoefele und Liana Konstantindou, welche konkreten Fördermassnahmen daran im Bodenseeraum ansetzen können und warum dieses Thema als Soziale Innovation so zentral ist.

Was sind die Ziele des Projekts?

An den Berufsfachschulen der deutschsprachigen Länder gibt es einen relativ hohen Anteil an SchülerInnen mit linguistischem Migrationshintergrund. Nicht nur sie, sondern auch muttersprachliche Lernende haben vor allem im Schreiben von Texten große Mängel. Das ist auch in den Ländern der Bodenseeregion so.
Bis heute gibt es aber noch keine systematische, empirische Erhebung der schriftsprachlichen Kompetenzen von SchülerInnen in der beruflichen Bildung. Im Rahmen des IBH-Projekts werden wir deshalb durch die Analyse von SchülerInnen-Texten gezielte, bedürfnisorientierte Konzepte der Sprach- und Schreibförderung aufzeigen, die den spezifischen Sprachbiographien und heterogenen linguistischen Ressourcen der SchülerInnen entsprechen. Damit können die Schreibkompetenzen von SchülerInnen an Berufsfachschulen in der Bodenseeregion deutlich verbessert werden.

Warum ist es aus einer gesellschafts- und bildungspolitischen Perspektive wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Für Ausbildung und Beruf ist das Schreiben eine zentrale Kompetenz. Im Berufsleben nehmen schriftliche Anforderungen sogar noch zu. Schreiben ermöglicht nicht nur die Teilhabe an Bildung und Ausbildung, sondern insgesamt am gesellschaftlichen Leben. Eine gezielte, bedürfnisorientierte Förderung der Schreibkompetenzen trägt somit zur Bildungs- und Chancengerechtigkeit für die Betroffenen bei.

Warum liegt Ihr Fokus gerade auf der beruflichen Bildung?

Die duale Berufsbildung in der Bodenseeregion ist traditionell durch eine mittelständische Wirt-schaft geprägt, die sozial engmaschig die berufliche und gesellschaftliche Integration junger Erwachsener begünstigt. In Zeiten zunehmender Migration und Mobilität tragen unsere Ergebnisse dazu bei, die wachsenden Herausforderungen der beruflichen und gesellschaftlichen Integration zu bewältigen.

Wie werden Sie im Projekt konkret vorgehen?

Im ersten Schritt sammeln wir Texte von SchülerInnen an Berufsfachschulen in der Bodenseeregion und analysieren diese mit quantitativen korpuslinguistischen Methoden auf ihre sprachlichen und textlichen Merkmale hin. Zudem werden sie auf ihre kommunikative Gesamtwirkung hin beurteilt. Aus Texten mit ähnlichen Merkmalen werden Gruppen gebildet, die Profile von Lernenden mit ähnlichem Förderbedarf zeigen. Mittels Fragebogen erheben wir schlussendlich den sozioökonomische Index (SEI), Migrationshintergrund, Familiensprache, Ausbildungsberuf der Lernenden und prüfen, ob den Kompetenzprofilen der Lernenden bestimmte sozioökonomische, sprachbiographische u.a. Variablen entsprechen.

Welchen gesellschaftlichen Mehrwert schafft das Projekt?

Seit Jahren ist die Abbruchquote in der Berufsausbildung auf einem hohen Niveau. Dabei birgt ein Ausbildungsabbruch für die Erwerbsbiografie der Betroffenen und für die Gesellschaft sozial- und arbeitsmarktpolitische Risiken. Mit Blick auf die gesellschaftliche und berufliche Integration junger Menschen trägt eine differenzierte, bedürfnisorientierte Sprach- und Schreibförderung in der beruflichen Bildung, welche die Heterogenität der Sprachbiographien und der sprachlichen Fähigkeiten der Lernenden berücksichtigt, zur persönlichen Entwicklung und zur Employability junger Erwachsener bei.
Aus dem Projekt entstehen zudem neue Impulse für die Sprach- und Schreib-Curricula in der beruflichen Bildung, ebenso für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen, die letztlich auf eine inklusive Praxis der Sprach- bzw. Schreibförderung an Berufsfachschulen zielt.
Darüber hinaus initiiert das Projekt die wissenschaftliche Zusammenarbeit im Bereich der sprach-bezogenen Berufsbildungsforschung in der Bodenseeregion, insofern es Forschungsteams der Pädagogischen Hochschule Weingarten, der Fachhochschule Vorarlberg und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit unterschiedlichen fachlichen und forschungsmethodischen Ausrichtungen zusammenführt. Dadurch entstehen Synergien, die zur Weiterentwicklung der Berufsbildungsforschung und der Berufsbildung in der Bodenseeregion führen.