Studierende machen Schule

8. Februar 2019
Einen innovativen Beitrag zur LehrerInnenbildung in der Bodenseeregion will das IBH-Projekt „Studierende machen Schule“ leisten. In einer Kooperation der Pädagogischen Hochschulen Weingarten und St. Gallen wird Lehramtsstudierenden bereits im Studium die Möglichkeit geboten in der Praxis tätig zu sein. Dadurch werde das Erleben tatsächlicher beruflicher Situationen für Studierende didaktisch erlebbar, trainierbar und reflektierbar, schildert Projekleiter Thomas Wiedenhorn von der PH Weingarten die Ziele des Projekts. Begleitet werden die Studierenden im Unterricht von digitalen Hilfsmitteln, die es erlauben im Nachgang eine professionelle Evaluation der Lehrsituation gemeinsam mit ExpertInnen zu leisten.
 
Was sind die Ziele des Projekts «Studierende machen Schule»?
In unserem Projekt werden Studierende mit realistischen herausfordernden Situationen konfrontiert, indem sie im Rahmen einer hochschulischen Praxisphase die GrundschullehrerInnen ihrer Praktikumsschule für eine Woche ersetzen, während die Lehrkräfte in dieser Zeit eine gemeinsame Fortbildung besuchen. Das Erleben tatsächlicher beruflicher Situationen wird für Studierende im Projekt unserer Ansicht nach didaktisch erlebbar, trainierbar, reflektierbar und für den Professionalisierungsprozess nutzbar gemacht. Zentral ist, dass sich die Beratung der Studierenden in der sogenannten Übernahmewoche auf videogestützte Mitschnitte stützt, die mittels Videobrillen oder GoPros (Action Kameras) von den Studierenden im eigenverantwortlichen Unterricht aufgezeichnet wurden.
 
Damit sollen Erfolgs- und Misserfolgserfahrungen aus den unterrichtlichen Tätigkeiten im Rahmen der Schulübernahmen als Lernchance eröffnet werden. Als wissenschaftliche Ziele verfolgen wir erstens, Erkenntnisse zum studentischen Umgang mit herausfordernden, realistischen Situationen zu generieren und zweitens, mögliche Veränderungen berufsspezifischer Überzeugungen zu untersuchen. Dadurch gewinnen wir evidenzbasierte Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Relevanz solcher Klassen- und Schulübernahmen.
 
Warum macht es Sinn, Lehramtsstudierende bereits frühzeitig in die Schulpraxis einzubinden?
Für den Professionalisierungsprozess von Studierenden ist es wichtig, sie bereits in der Ausbildung mit möglichst realistischen komplexen und unvorhergesehenen beruflichen Herausforderungen zu konfrontieren und sie dadurch zu befähigen, in solchen Situationen professionell, also angemessen, überlegt und lernförderlich zu agieren. Der professionelle Umgang mit herausfordernden Situationen soll durch Reflexion „in Action“ und „on Action“ das lebenslange Lernen befördert werden. Für die Berufswahl der Studierenden ist es zudem wichtig, ihnen mit der Klassen- bzw. Schulübernahme eine realistische Grundlage für eine kritische Neubewertung ihrer Studien- und Berufswahl zu bieten, welche andere berufspraktische Studien in dieser Form nicht ermöglichen.
 
Wie gehen Sie konkret in Ihrem Projekt vor?
Das Lehrkonzept besteht aus drei aufeinander aufbauenden Phasen und schließt an den Erfahrungen und Evaluationen der beiden Vorgängerprojekte der PH St. Gallen und PH Weingarten an, um ein situationsbezogenes fachdidaktisches und pädagogisch-psychologisches Wissen und Können bei den Studierenden zu entwickeln. Die drei Phasen werden verbunden durch ein Projektseminar und die studentischen Microblogs, in denen je individuell die Arbeits- und Lernprozesse festgehalten werden. Der eigentlichen Durchführung des Lehrkonzepts sind je eine Vorbereitungsphase für die gemeinsame Konzeptionierung der didaktischen Nutzung von Videobrillen und Microblogs und der gemeinsamen Konzeptionierung der didaktischen Reflexionsaufgaben und deren Nutzung vorgeschaltet.
 
Welche Rolle spielen dabei mediengestützte Formate?
Das Projekt kombiniert zwei innovative Elemente: die didaktische Nutzung von Videobrillen und Mikroblogs in Klassen- bzw. Schulübernahmen. Letztere reichen näher an die Komplexität des Berufsalltags heran als bisher übliche Formen schulpraktischer Studien, fördern lebenslanges Lernen und regen den Theorie-Praxis-Transfer an. Die Videobrillen und Microblogs ermöglichen es, unbeobachteten studentischen Unterricht mittels Videos und gesprochener, nicht verschriftlichter Sprache in authentischen Situation zu erfassen, zu dokumentieren und anhand dieser Aufnahmen analysieren und beraten zu können. Ist die Nutzung von Videobrillen oder GoPros in anderen Professionen (z.B. in der Medizin, Chemie oder im Sport) üblich, ist diese didaktische Nutzung in der LehrerInnenbildung neu und innovativ.
 
Welchen Mehrwert versprechen Sie sich von dem Projekt?
Das Lehrkonzept führt die bestehenden Projekte der PH Weingarten und PH St. Gallen zusammen und verbessert diese gezielt durch das mediengestützte Beratungskonzept. Durch die Evaluation und Begleitforschung kann das Lehrkonzept im Anschluss weiter verbessert und attraktiver gestaltet werden und vielleicht auch längerfristig eingebunden werden. Für die vorgeschlagene didaktische Erweiterung bedeutet dies, dass sie gezielt und erfahrungsbasiert implementiert werden kann und die beiden Hochschulen von ihrem gegenseitigen Know-How in diesem Bereich profitieren können. Um mehr über das Lernen der Studierenden in der Schulübernahme zu erfahren, ist die wissenschaftliche Begleitung zentral, welche Erkenntnisse für die Fortführung und Optimierung solcher Schulübernahmen liefern sollen.
 
Durch das Konzept zur Nutzung der Videobrillen, der Mikroblogs und der mediengestützten Beratung trägt das Projekt zu einer langfristigen strategischen Ausrichtung der Hochschulen in den Bereichen Digitalisierung der Lehrerbildung und berufspraktische Studien bei. Durch die Einbindung internationaler Hochschul- und Projektpartnern liefert das Projekt zudem einen Beitrag zur Internationalisierung (in) der Lehrerbildung und wirkt über unsere wissenschaftlichen Beiträge in die Bodenseeegion.